TEIL 2 – DAS FOTO HINTER DER TÜR
Ich konnte den Blick nicht von der verschlossenen Tür abwenden.
Sie war unscheinbar. Dunkles Holz, ein alter Messinggriff, kein Fenster, kein Schild.
Und trotzdem hatte ich plötzlich das Gefühl, dass sie mich beobachtete.
„Warum darf ich diese Tür nicht öffnen?“, fragte ich.
Friedrich Weber stand noch immer neben mir.
Sein Gesicht war vollkommen ruhig.
Zu ruhig.
„Weil manche Türen nicht geöffnet werden sollten.“
„Das ist keine Antwort.“
Zum ersten Mal huschte etwas wie ein müdes Lächeln über sein Gesicht.
„Sie werden noch lernen, Anna, dass die wichtigsten Antworten selten direkt gegeben werden.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Ich bin hier, um zu arbeiten. Nicht, um Rätsel zu lösen.“
„Das werden Sie.“
Er ging langsam in Richtung Wohnzimmer.
Nach einigen Schritten blieb er stehen.
„Ihre erste Aufgabe ist übrigens ganz einfach.“
„Welche?“
„Machen Sie mir Tee.“
Ich musste beinahe lachen.
Nach all den geheimnisvollen Worten wollte er Tee.
„Schwarz?“
„Ohne Zucker.“
Dann verschwand er.
Ich blieb allein im Flur zurück.
Mein Blick wanderte wieder zur Tür.
Ich wusste, dass ich sie nicht öffnen sollte.
Und genau deshalb wollte ich es plötzlich umso mehr.
Doch ich riss mich zusammen und ging in die Küche.
Die Villa war größer, als ich zunächst gedacht hatte. Hohe Decken, alte Gemälde, schwere Vorhänge und überall Möbel, die aussahen, als wären sie seit Jahrzehnten nicht bewegt worden.
Auf einem Tisch stand ein gerahmtes Foto.
Ich nahm es in die Hand.
Darauf waren Friedrich und eine junge Frau zu sehen.
Seine Frau, vermutlich.
Sie lächelte in die Kamera.
Doch irgendetwas an dem Bild kam mir bekannt vor.
Ich betrachtete es genauer.
Die Frau trug eine kleine silberne Kette.
Daran hing ein Anhänger.
Ein kleiner Stern.
Mein Herz blieb kurz stehen.
Ich griff automatisch an meinen Hals.
Auch ich trug einen solchen Anhänger.
Seit meiner Kindheit.
Meine Mutter hatte ihn mir gegeben.
Sie hatte immer gesagt:
„Behalte ihn. Er ist das Einzige, was von früher geblieben ist.“
Ich hatte nie verstanden, was sie damit meinte.
Ich stellte das Foto zurück.
Vielleicht war es nur Zufall.
Bestimmt war es nur Zufall.
Als ich den Tee ins Wohnzimmer brachte, saß Friedrich in einem großen Ledersessel.
Er nahm die Tasse entgegen.
Sein Blick fiel auf meinen Hals.
Sofort veränderte sich sein Gesicht.
„Woher haben Sie den?“
Ich berührte den Anhänger.
„Den?“
Er nickte.
„Wer hat ihn Ihnen gegeben?“
„Meine Mutter.“
Seine Finger verkrampften sich um die Tasse.
„Wie hieß Ihre Mutter?“
Ich runzelte die Stirn.
„Maria.“
Die Tasse glitt beinahe aus seiner Hand.
„Maria…“
Er sagte den Namen so leise, als hätte er gerade den Namen eines Toten gehört.
„Kannten Sie sie?“, fragte ich.
Friedrich antwortete nicht.
„Herr Weber?“
Er sah mich an.
Seine Augen waren plötzlich feucht.
„Wie alt waren Sie, als Ihre Mutter starb?“
„Neunzehn.“
„Und Ihr Vater?“
„Ich kenne meinen Vater nicht.“
Die Stille danach war erdrückend.
Friedrich stellte die Tasse ab.
„Das dachte ich mir.“
Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog.
„Was soll das heißen?“
Er stand auf.
„Heute Abend gehen Sie nach Hause.“
„Was?“
„Ich habe meine Meinung geändert.“
„Sie wollen mich nicht mehr?“
„Im Gegenteil.“
Er ging an mir vorbei.
„Ich möchte, dass Sie morgen wiederkommen.“
„Warum?“
Er blieb stehen.
Dann drehte er sich um.
„Weil ich heute Nacht etwas überprüfen muss.“
„Was?“
Er sah wieder auf meinen Anhänger.
„Etwas, das ich vor zweiundachtzig Jahren verloren habe.“
Ich verstand kein Wort.
Doch bevor ich weiterfragen konnte, ging er den Flur entlang.
Direkt auf die verschlossene Tür zu.
Er blieb davor stehen.
Legte die Hand auf den Griff.
Und sagte:
„Vielleicht hätte ich diese Tür schon vor langer Zeit öffnen müssen.“
Dann ging er in sein Schlafzimmer.
Ich blieb allein zurück.
In dieser Nacht schlief ich kaum.
Immer wieder dachte ich an seine Worte.
Was konnte Friedrich Weber über meine Mutter wissen?
Warum hatte er so erschrocken auf meinen Anhänger reagiert?
Und was befand sich hinter dieser Tür?
Am nächsten Morgen kam ich früher als vereinbart.
Die Haustür war nicht verschlossen.
„Herr Weber?“
Keine Antwort.
Ich ging hinein.
Im Wohnzimmer lag eine Zeitung auf dem Tisch.
Daneben ein Brief.
Mein Name stand darauf.
ANNA KELLER.
Ich erstarrte.
Ich hatte Friedrich nie meinen Nachnamen genannt.
Langsam öffnete ich den Umschlag.
Darin lag ein einziges Foto.
Ich nahm es heraus.
Meine Hände begannen zu zittern.
Auf dem Foto war ein kleines Mädchen zu sehen.
Vielleicht fünf Jahre alt.
Neben ihr stand eine junge Frau.
Meine Mutter.
Und hinter ihnen…
Friedrich Weber.
Doch das war nicht das Schlimmste.
Auf der Rückseite des Fotos stand ein Satz:
„Anna, wenn du dieses Foto siehst, weißt du, dass man dir dein ganzes Leben lang gelogen hat.“
Ich hörte plötzlich Schritte hinter mir.
Ich drehte mich um.
Friedrich stand im Türrahmen.
Sein Gesicht war kreidebleich.
„Sie hätten den Brief nicht lesen dürfen.“
Ich hielt das Foto hoch.
„Wer ist dieses Kind?“
Er schwieg.
„Wer ist das, Herr Weber?“
Seine Augen füllten sich mit Tränen.
Dann sagte er:
„Sie.“
Mir wurde schwindelig.
„Was?“
Er trat langsam näher.
„Das Mädchen auf dem Foto sind Sie, Anna.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Das ist unmöglich.“
„Nein.“
Seine Stimme brach.
„Unmöglich ist nur die Geschichte, die man Ihnen erzählt hat.“
Ich sah erneut auf das Foto.
Und plötzlich fiel mein Blick auf meine Mutter.
Auf ihren Gesichtsausdruck.
Auf ihre Hand, die das kleine Mädchen festhielt.
Und auf die Person, die im Hintergrund stand.
Eine zweite Frau.
Ich kannte ihr Gesicht.
Ich hatte es schon einmal gesehen.
Auf dem alten Foto von Friedrichs verstorbener Frau.
Ich sah Friedrich an.
„Wer ist diese Frau?“
Er schloss die Augen.
„Meine Tochter.“
„Ihre Tochter?“
„Und sie ist nicht vor sieben Jahren gestorben.“
Ich konnte nicht atmen.
Friedrich öffnete die Augen.
„Sie ist seit einundzwanzig Jahren verschwunden.“
Dann hörte ich hinter der verschlossenen Tür ein Geräusch.
Ein leises Klopfen.
Dreimal.
Und Friedrich flüsterte:
„Sie ist wieder hier.“



