ICH NAHM EINEN JOB BEI EINEM EINSAMEN 82-JÄHRIGEN AN
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ICH NAHM EINEN JOB BEI EINEM EINSAMEN 82-JÄHRIGEN AN

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TEIL 3 – DIE FRAU, DIE NICHT TOT WAR

Dreimal klopfte es.

Langsam.

Deutlich.

Von der anderen Seite der verschlossenen Tür.

Ich stand wie angewurzelt im Flur.

Friedrich Weber dagegen bewegte sich keinen Zentimeter.

„Was war das?“, flüsterte ich.

Er antwortete nicht.

„Herr Weber.“

Sein Blick blieb auf der Tür.

„Sie dürfen keine Angst haben.“

„Keine Angst? Hinter dieser Tür klopft jemand!“

„Ich weiß.“

„Wer?“

Er sah mich an.

„Jemand, auf den ich seit einundzwanzig Jahren gewartet habe.“

Mein Herz raste.

„Ihre Tochter?“

Er nickte.

„Elise.“

Ich erinnerte mich an das Foto.

Die junge Frau neben meiner Mutter.

Doch irgendetwas passte nicht.

„Wenn sie lebt, warum haben Sie mir erzählt, Ihre Frau sei vor sieben Jahren gestorben?“

„Meine Frau ist gestorben.“

„Aber Ihre Tochter?“

Er wandte sich ab.

„Das ist eine lange Geschichte.“

„Dann erzählen Sie sie mir.“

„Noch nicht.“

Ich wurde wütend.

„Sie wissen, wer ich bin. Sie kennen meine Mutter. Sie haben ein Foto von mir als Kind. Sie wissen Dinge über meine Familie, die ich selbst nicht weiß. Und jetzt klopft jemand hinter dieser Tür.“

Ich trat näher.

„Ich will die Wahrheit.“

Friedrich sah mich lange an.

Dann griff er in seine Hosentasche und zog einen alten Schlüssel hervor.

Er hielt ihn mir hin.

„Dann öffnen Sie die Tür.“

Ich starrte auf den Schlüssel.

„Sie haben mir verboten, sie zu öffnen.“

„Das war gestern.“

Er legte den Schlüssel in meine Hand.

„Heute möchte ich, dass Sie selbst entscheiden.“

Meine Finger zitterten.

Ich steckte den Schlüssel ins Schloss.

Ein leises Klicken.

Die Tür öffnete sich.

Ein kalter Luftzug strich über mein Gesicht.

Der Raum dahinter war überraschend klein.

Keine Möbel.

Nur ein Schreibtisch, mehrere Kartons und eine Wand voller Fotos.

Ich ging hinein.

Und blieb stehen.

Überall waren Bilder.

Meine Mutter.

Friedrich.

Eine junge Elise.

Und ich.

Als Baby.

Als Kleinkind.

Mit fünf Jahren.

Mit zehn.

Mit sechzehn.

Ich griff nach einem Foto.

Es zeigte mich im Alter von etwa sechs Jahren.

Neben mir stand eine Frau.

Nicht meine Mutter.

Elise.

Ich kannte dieses Gesicht.

Ich hatte es auf alten Familienfotos gesehen.

Doch niemand hatte mir je erklärt, wer sie war.

Unter dem Foto lag ein Dokument.

Ich nahm es hoch.

Eine Geburtsurkunde.

Mein Name stand darauf.

Anna Elise Keller.

Ich wurde blass.

„Elise?“

Friedrich stand hinter mir.

„Das war ihr Name.“

„Warum trage ich ihren Namen?“

Er setzte sich auf den alten Stuhl.

„Weil du nach ihr benannt wurdest.“

Ich drehte mich zu ihm.

„Du?“

Zum ersten Mal sprach er mich nicht mehr mit „Sie“ an.

„Warum hast du mir das nie erzählt?“

Er sah zu Boden.

„Weil ich nicht wusste, ob du sicher bist.“

„Sicher vor wem?“

Er antwortete nicht.

Plötzlich hörten wir ein Geräusch.

Ein Schlüssel.

Von draußen.

Friedrich sprang auf.

„Bleiben Sie hier.“

„Wer kommt?“

„Meine Kinder.“

„Ihre Kinder leben doch im Ausland.“

„Das habe ich Ihnen erzählt.“

Die Haustür öffnete sich.

Eine Männerstimme rief:

„Vater?“

Friedrich wurde kreidebleich.

„Sie dürfen nicht wissen, dass Sie hier sind.“

„Warum?“

„Weil sie nach diesem Raum suchen.“

Schritte näherten sich.

Friedrich schloss die Tür und zog mich hinter ein Regal.

Zwei Männer betraten den Flur.

Ich erkannte einen von ihnen sofort.

Er war auf einem Familienfoto zu sehen.

Friedrichs Sohn.

„Wo ist Vater?“, fragte er.

„Im Garten“, antwortete Friedrich.

„Allein?“

„Natürlich.“

Der Mann schwieg.

Dann sagte er:

„Wir müssen über Elise reden.“

Mein Körper erstarrte.

Friedrich antwortete:

„Sie ist tot.“

„Das weißt du nicht.“

Eine Pause.

„Ich habe sie gestern gesehen.“

Ich hielt den Atem an.

Der Mann fuhr fort:

„Sie war in der Stadt.“

Friedrich sagte nichts.

„Und sie hat nach Anna gefragt.“

Mir wurde schwarz vor Augen.

Der Name meines eigenen Lebens fiel in diesem Haus, als wäre ich ein Geheimnis, das alle kannten.

Nur ich nicht.

Die Männer gingen schließlich.

Friedrich wartete mehrere Minuten, bevor er die Tür öffnete.

„Jetzt verstehen Sie, warum ich vorsichtig sein musste.“

Ich trat aus meinem Versteck.

„Wer ist Elise?“

„Meine Tochter.“

„Und warum sucht sie nach mir?“

Er ging zum Schreibtisch.

„Weil sie glaubt, dass du etwas besitzt, das deiner Mutter gehört hat.“

Ich fasste an meinen Anhänger.

„Das hier?“

Friedrich nickte.

„Nicht der Anhänger selbst.“

Er deutete auf die Rückseite.

„Öffnen Sie ihn.“

Ich betrachtete das kleine Medaillon.

„Es lässt sich nicht öffnen.“

„Doch.“

Er nahm eine Nadel aus einer Schublade und drückte auf eine winzige Stelle.

Klick.

Das Medaillon sprang auf.

Darin befand sich ein winziger Zettel.

Ich entfaltete ihn.

Nur vier Wörter standen darauf:

„Vertrau Friedrich niemals.“

Ich sah ihn an.

Er schloss die Augen.

„Das hat Ihre Mutter geschrieben.“

„Wann?“

„In der Nacht, in der sie verschwunden ist.“

„Meine Mutter ist nicht verschwunden.“

„Anna…“

„Sie ist gestorben.“

Er sah mich an.

„Das hat man dir gesagt.“

Ich spürte, wie mir die Tränen kamen.

„Was weißt du wirklich?“

Friedrich ging zu einem Karton.

Darin lagen Briefe.

Dutzende.

Alle mit derselben Handschrift.

Meiner Mutter.

Er reichte mir den obersten.

Ich öffnete ihn.

Friedrich,

wenn du diesen Brief liest, bin ich wahrscheinlich nicht mehr da. Aber wenn Anna eines Tages zu dir kommt, darfst du ihr nur eine Sache erzählen:

Ihr Vater lebt.

Ich ließ den Brief fallen.

„Mein Vater?“

Friedrich nickte.

„Ja.“

„Wer ist er?“

Er sah mich an.

Doch bevor er antworten konnte, klingelte sein Telefon.

Er nahm ab.

Sein Gesicht veränderte sich sofort.

„Hallo?“

Er hörte zu.

Dann wurde er bleich.

„Wo?“

Eine Stimme am anderen Ende sagte offenbar etwas.

Friedrich ließ das Telefon sinken.

„Was ist passiert?“, fragte ich.

Er sah mich an.

„Elise wurde gefunden.“

„Wo?“

„Vor meiner alten Wohnung.“

Ich wartete.

„Aber sie ist nicht allein.“

„Wer ist bei ihr?“

Friedrich schluckte.

„Dein Vater.“

Ich konnte nichts sagen.

Dann fügte er leise hinzu:

„Und er hat nach dir gefragt.“