TEIL 3 – Turbulenzen und Geständnisse
Die Maschine schüttelte heftig, als wir in den Rand des Gewittersystems einloggten. Das Anschnallzeichen blinkte grell auf, und die Stewardessen erhielten sofort den Befehl, ihre Sitze aufzusuchen. Vittoria erschrak über den plötzlichen Stoß und begann laut zu weinen. Ihr ängstliches Schreien schnitt durch Mark und Bein, und in Panik versuchte ich, sie fest an mich zu drücken, während das Flugzeug einen weiteren harten Sturzflug nach unten machte.
„Gib sie mir!“, ruft Luca über das Dröhnen der Triebwerke hinweg.
„Was? Nein, es geht schon!“, schrie ich zurück, aber ein neuer Ruck der Maschine erfasste uns beide. Meine Hände zitterten so stark, dass ich kaum Halt an ihr hatte.
Ohne weitere Erlaubnis zu erbitten, griff Luca mit festen, starken Händen zu. Mit einer professionellen Ruhe, die nur jemand mit Tausenden von Flugstunden aufbringen konnte, schob er Vittoria geschickt auf seinen eigenen Schoß und legte eine Hand beruhigend auf ihren Rücken. Zu meinem großen Erstaunen hörte Vittoria fast sofort auf zu weinen. Sie blickte mit großen, tränenüberströmten Augen den Mann in der Pilotenjacke an, fasziniert von den silbernen Knöpfen und seiner tiefen, ruhigen Stimme, die leise auf sie einzureden begann.
„Ganz ruhig, kleine Heldin. Der Pilot hat alles unter Kontrolle, auch wenn ich heute zufällig hinten sitze“, sagte er mit einem warmen, resonanten Lachen.
Ich saß atemlos da und sah zu. Der harte, verspannte Mann von eben schien wie vom Weggeblasen, ersetzt durch eine beschützende Gestalt, die mich unerwartet tief berührte. Mein eigenes Herz hämmerte wie wild in meiner Kehle – nicht nur wegen der Turbulenzen, sondern wegen der Art und Weise, wie Luca mit meinem Kind umging. Es stand in scharfem Gegensatz zu Stefano, der seine Tochter in den letzten Monaten unserer Ehe kaum berührt hatte, zu sehr beschäftigt mit seiner Geliebten und seinem luxuriösen Leben.
„Danke“, sagte ich, als der schlimmste Stoß vorbei war und das Flugzeug wieder etwas stabiler durch die Wolken glitt. Meine Stimme zitterte noch nach.
Luca sah zu mir auf. Seine Augen waren dunkel und nachdenklich im gedimmten Licht der Kabine. „Keine Ursache. Ich weiß, wie es sich anfühlt, die Kontrolle zu verlieren, Elena.“
Ich erstarrte. „Wo... woher wissen Sie meinen Namen?“
Ein schwaches, trauriges Lächeln erschien auf seinen Lippen. Er wies dezent auf das Gepäckschild hin, das noch am Griff meiner Tasche hing und auf dem mein vollständiger Name stand. „Man liest schnell, wenn man sich langweilt. Außerdem... ich habe die Papiere in deiner Tasche gesehen, als du am Gate nach deiner Bordkarte gesucht hast.“
„Sie haben mich beobachtet?“, fragte ich, wobei ein Hauch meines alten Misstrauens wieder hochkam.
„Nicht aus Neugierde“, verteidigte er sich sofort, seine Stimme leise und aufrichtig. „Aber du sahst so einsam aus. Als würdest du die ganze Welt auf deinen Schultern tragen. Und glaub mir... ich erkenne diesen Blick. Ich bin in letzter Zeit selbst durch die Hölle gegangen. Eine Scheidung, verlorene Freundschaften, eine Karriere auf dem Spiel, weil Menschen lieber lügen, als der Wahrheit ins Auge zu blicken.“
Ich spürte eine plötzliche, tiefe Verbundenheit mit diesem Fremden. Die Mauern, die ich nach Stefanos Verrat sorgfältig aufgebaut hatte, schienen durch die Wärme seiner Worte Risse zu bekommen.
„Mein Mann hat über alles gelogen“, platzte es plötzlich aus mir heraus, ohne dass ich es aufhalten konnte. Die Worte brannten auf meinen Lippen. „Zwei Jahre lang. Als wäre ich eine Fremde in seinem Haus.“
Luca ergriff meine Hand. Seine Haut war warm und kräftig. „Dann wissen wir beide, wie es sich anfühlt, von jemandem betrogen zu werden, dem man vertraut hat.“
In diesem Moment, während wir da saßen inmitten von Tausenden von Metern Höhe und dunklen Wolken, geschah etwas Unerwartetes. Luca beugte sich langsam nach vorne, sein Gesicht gefährlich nah an meinem. Die Welt um uns herum schien zu verschwimmen. Doch gerade als ich dachte, er würde mich küssen, schaltete sich die Bordsprechanlage im Flugzeug mit einem Rauschen ein.


