Mein Mann und meine Mutter hatten sich siebenundzwanzig Jahre lang kaum ertragen.
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TEIL 2 – Das Dokument unter dem Ahornbaum Die Polizei kam fast vierzig Minuten später.
Bis dahin hatte ich kein einziges Mal den Metallbehälter aus den Augen gelassen. Er stand noch immer auf dem Terrassentisch. Offen. Daneben lagen die Dokumente, die ich herausgenommen hatte. Ich hatte sie nicht weiter durchsucht. Irgendetwas in mir sagte, dass ich warten sollte. Als die beiden Beamten durch das Gartentor kamen, stand ich auf. „Ich habe ihn unter diesem Baum gefunden.“ Der ältere Beamte sah zuerst mich an, dann den Behälter. „Sie haben ihn selbst ausgegraben?“ Ich nickte. „Ja.“ Er ging näher. „Und Sie wissen, wem er gehört?“ Ich schluckte. „Ich glaube, meiner Mutter.“ Der Beamte zog Handschuhe an. Er nahm eines der Dokumente vorsichtig hoch. Sein Gesicht veränderte sich. „Wo ist Ihr Ehemann?“ Die Frage traf mich völlig unvorbereitet. „Joe? Zu Hause.“ Der Beamte sah seinen Kollegen an. „Und Sie haben mit ihm darüber gesprochen?“ „Nein.“ Das war nicht ganz wahr. Ich hatte mit ihm über das Geheimnis gesprochen. Aber nicht über den Behälter. Nicht über die Dokumente. Nicht über das, was ich gefunden hatte. Ich zeigte ihnen schließlich die Aufnahme auf meinem Handy. Joes Stimme. Seine Worte am offenen Sarg meiner Mutter. „Ich habe unser Geheimnis bewahrt, Margaret.“ Der Beamte hörte die Aufnahme zweimal. Danach sagte er nichts. Er legte das Handy langsam auf den Tisch. „Bitte rufen Sie Ihren Mann vorerst nicht an.“ Mein Herz schlug schneller. „Warum?“ „Weil wir zuerst herausfinden müssen, was genau Sie hier gefunden haben.“ Einer der Beamten fotografierte den Behälter. Dann die Dokumente. Dann die Stelle unter dem Ahornbaum. Plötzlich entdeckte er etwas. „Warten Sie.“ Er kniete sich hin. Unter einer dicken Wurzel, dort, wo ich zuvor gegraben hatte, ragte etwas Schwarzes aus der Erde. „Sie haben hier nur einmal gegraben?“ „Ja.“ Er begann vorsichtig mit der Hand Erde zu entfernen. Nach wenigen Sekunden kam eine kleine schwarze Schachtel zum Vorschein. Sie war deutlich älter als der Metallbehälter. Und sie war verschlossen. Der Beamte sah mich an. „Wussten Sie davon?“ Ich schüttelte den Kopf. „Nein.“ Er öffnete die Schachtel nicht. Stattdessen wurde sie zusammen mit dem Metallbehälter eingepackt. „Wir nehmen das zur Untersuchung mit.“ „Was ist darin?“ „Das wissen wir noch nicht.“ Ich sah wieder auf den Ahornbaum. „Aber warum sollte meine Mutter so etwas verstecken?“ Der ältere Beamte antwortete nicht sofort. Dann sagte er: „Vielleicht sollten Sie sich fragen, warum Ihr Mann wusste, dass es hier liegt.“ Ich erstarrte. Denn genau das war die Frage, vor der ich die ganze Nacht davongelaufen war. Warum wusste Joe davon? Und warum hatte er gerade am offenen Sarg meiner Mutter davon gesprochen? Nachdem die Polizei gegangen war, blieb ich allein im Garten zurück. Der Mond war inzwischen hinter Wolken verschwunden. Ich ging hinein. Auf dem Küchentisch lag noch die Tasse, aus der meine Mutter bei meinem letzten Besuch getrunken hatte. Ich nahm sie in die Hand. Sie war kalt. Plötzlich erinnerte ich mich an etwas. An einen Satz, den meine Mutter vor vielen Jahren gesagt hatte. Ich war damals Anfang dreißig gewesen. Joe und sie hatten sich wieder einmal gestritten. Ich hatte meine Mutter später gefragt: „Was hat er dir eigentlich getan?“ Sie hatte lange geschwiegen. Dann hatte sie meine Hand genommen. „Wenn du eines Tages glaubst, du kennst deinen Mann wirklich, dann denk daran, dass Menschen manchmal nur das zeigen, was andere sehen sollen.“ Damals hatte ich gelacht. Ich hielt es für eine dieser kryptischen Aussagen meiner Mutter. Jetzt nicht mehr. Ich ging ins Schlafzimmer. Joe war nicht da. Seine Seite des Bettes war unberührt. Ich nahm mein Handy. Keine Nachrichten. Kein Anruf. Nichts. Dann hörte ich plötzlich ein Geräusch. Ein Auto. Ich ging ans Fenster. Scheinwerfer glitten über die Hauswand. Ein Wagen hielt vor unserem Haus. Die Fahrertür öffnete sich. Joe stieg aus. Ich hielt den Atem an. Er blieb einige Sekunden auf der Straße stehen. Dann sah er direkt zum Fenster. Als hätte er gewusst, dass ich dort stand. Und in diesem Moment wusste ich: Er war nicht nach Hause gekommen, um mit mir über den Tod meiner Mutter zu sprechen. Er war gekommen, weil er wissen wollte, ob ich den Ahornbaum gefunden hatte.