Die Frau, die er öffentlich neben sich stellte
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Die Frau, die er öffentlich neben sich stellte

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TEIL 4 – Die Wahrheit am See

Die Nachricht blieb auf meinem Bildschirm.

Vertrau Daniel auf keinen Fall.

Ich las sie noch einmal.

Dann legte ich das Handy langsam auf den Tisch.

Daniel beobachtete mich.

„Was stand dort?“

Ich sah ihn an.

„Nichts.“

Er wusste, dass ich log.

Aber er fragte nicht weiter.

Vielleicht war das genau der Moment, in dem ich endgültig verstand, dass ich keinem von ihnen mehr vertrauen konnte.

Nicht Daniel.

Nicht Sloane.

Nicht einmal Margaret.

Ich nahm meine Tasche.

„Ich muss gehen.“

Daniel stand auf.

„Wohin?“

„Nach Hause.“

„Clarissa.“

Ich blieb an der Tür stehen.

„Was?“

„Geh heute Nacht nicht zum See.“

Ich drehte mich langsam um.

„Warum?“

Er antwortete nicht sofort.

Dann sagte er:

„Weil Elias Mercer nicht der Mann ist, für den du ihn hältst.“

Ich sah ihn lange an.

„Woher weißt du, für wen ich ihn halte?“

Daniel schwieg.

Ich ging.

* * *

Um halb elf Uhr abends stand ich vor Cedar Point House.

Alle Lichter waren ausgeschaltet.

Der See lag schwarz und still vor mir.

Ich hatte Daniel versprochen, nicht allein hierherzukommen.

Natürlich hatte ich es nicht getan.

Doch ich war auch nicht völlig unvorbereitet.

Margaret wusste, wo ich war.

Mein Telefon war eingeschaltet.

Und die Originalunterlagen meines Vaters hatte ich nicht dabei.

Zumindest nicht die echten.

Ich hatte eine Kopie in meiner Tasche.

Der Steg knarrte unter meinen Schritten.

„Elias?“

Keine Antwort.

Ich ging weiter.

Dann hörte ich eine Stimme hinter mir.

„Du bist gekommen.“

Ich drehte mich um.

Der Mann vom Foto stand dort.

Graues Haar.

Dunkler Mantel.

Ruhiger Blick.

„Elias Mercer?“

Er nickte.

„Du siehst deiner Mutter ähnlich.“

Ich blieb stehen.

„Du kanntest sie.“

„Sehr gut.“

„Was willst du?“

Er sah zum Haus.

„Ich wollte, dass du endlich die Wahrheit erfährst.“

„Welche Wahrheit?“

„Dass dein Vater nicht gestorben ist, weil er Schulden hatte.“

Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug.

„Das weiß ich.“

„Nein.“

Er sah mich direkt an.

„Du weißt nur, was andere dir erzählt haben.“

Er zog einen alten Umschlag aus seiner Tasche.

„Dein Vater wurde ermordet.“

„Das hat Daniel gesagt.“

„Daniel weiß viel.“

Eine Pause.

„Aber nicht alles.“

Ich nahm den Umschlag.

Darauf stand mein Name.

Wieder.

Meine Finger zitterten.

„Wer hat ihn getötet?“

Elias antwortete nicht.

Stattdessen sagte er:

„Dein Vater hatte etwas gefunden.“

„Was?“

„Eine zweite Familie.“

Ich verstand nicht.

„Was bedeutet das?“

Er sah mich lange an.

„Er hatte einen Sohn.“

Ich erstarrte.

„Ich habe einen Bruder?“

Elias nickte.

„Einen Halbbruder.“

Ich konnte kaum sprechen.

„Wo ist er?“

Elias blickte über meine Schulter.

Sein Gesicht veränderte sich.

„Zu spät.“

Ich drehte mich um.

Am Ende des Steges stand jemand.

Eine Frau.

Sloane.

Sie kam langsam näher.

„Elias“, sagte sie.

Er antwortete nicht.

Sloane sah mich an.

„Du solltest nicht hier sein.“

„Das sagen heute ziemlich viele Menschen zu mir.“

Sie blieb stehen.

„Du verstehst nicht, was passiert.“

„Dann erklär es mir.“

Sloane sah Elias an.

„Er wird dir nicht die Wahrheit sagen.“

„Und du?“

Sie schwieg.

Ich lachte bitter.

„Natürlich.“

Dann hörte ich ein Auto.

Scheinwerfer erschienen hinter dem Haus.

Ein Wagen hielt.

Die Tür öffnete sich.

Daniel stieg aus.

Ich schloss kurz die Augen.

Natürlich.

Er war mir gefolgt.

„Clarissa!“

Er kam auf uns zu.

Elias trat sofort zurück.

Sloane wurde blass.

Daniel blieb stehen.

Dann sah er Elias an.

„Du.“

Elias antwortete:

„Ja.“

Zwischen den beiden Männern lag eine Spannung, die ich nicht erklären konnte.

„Ihr kennt euch.“

Daniel sagte:

„Seit Jahren.“

Ich sah ihn an.

„Warum hast du mir erzählt, du hättest Elias erst bei meiner Hochzeit kennengelernt?“

Daniel schwieg.

„Warum?“

Er antwortete schließlich:

„Weil ich dich schützen wollte.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Dieser Satz bedeutet inzwischen gar nichts mehr.“

Elias trat näher.

„Frag ihn, was in der Nacht passiert ist, in der dein Vater starb.“

Daniel sah ihn an.

„Halt den Mund.“

„Nein.“

Elias zog ein altes Tonbandgerät aus seiner Tasche.

„Du hast lange genug gelogen.“

Er drückte einen Knopf.

Zuerst war nur Rauschen zu hören.

Dann eine Männerstimme.

Alt.

Verängstigt.

Ich erkannte sie sofort.

Mein Vater.

„Wenn Clarissa diese Aufnahme irgendwann hört, bedeutet das, dass ich nicht mehr da bin.“

Meine Knie wurden weich.

Ich hielt mich am Geländer fest.

Die Stimme meines Vaters fuhr fort:

„Robert, wenn du diese Aufnahme findest, bring sie zu meiner Tochter.“

Elias schloss die Augen.

Dann ertönte eine zweite Stimme.

Eine Stimme, die ich ebenfalls kannte.

Meine Mutter.

„Er darf niemals erfahren, dass Clarissa seine Tochter ist.“

Ich erstarrte.

Ich sah Daniel an.

Dann Elias.

Dann Sloane.

Niemand sagte ein Wort.

Die Aufnahme lief weiter.

Meine Mutter weinte.

„Wenn er herausfindet, dass Clarissa sein Kind ist, wird er versuchen, sie zu benutzen.“

Ich konnte kaum atmen.

Seine Tochter?

Wessen Tochter?

Die Aufnahme knackte.

Dann sagte mein Vater:

„Marcus darf niemals erfahren, dass sie lebt.“

Ich sah Daniel an.

„Marcus?“

Er senkte den Blick.

Elias antwortete:

„Marcus Bennett.“

Mein Herz setzte aus.

Rodericks Vater.

Der Mann, der angeblich seit Jahren nichts mehr mit meiner Familie zu tun hatte.

Der Mann, dessen Name immer wieder in meinen Unterlagen auftauchte.

Ich flüsterte:

„Dann bin ich seine Tochter?“

Elias nickte.

„Ja.“

Sloane begann zu weinen.

„Es tut mir leid.“

Ich sah sie an.

„Was tut dir leid?“

Sie antwortete:

„Ich wusste es.“

„Seit wann?“

„Seit ich Daniel kennengelernt habe.“

Ich sah Daniel an.

„Und du?“

Er sagte nichts.

„Du wusstest es auch.“

„Ja.“

Das Wort traf mich wie ein Schlag.

Ich ging einen Schritt zurück.

„Wie lange?“

Daniel sah mich an.

„Seit vor unserer Hochzeit.“

Stille.

Plötzlich ergab alles Sinn.

Warum er mich geheiratet hatte.

Warum er Zugang zu meinen Unterlagen wollte.

Warum Cedar Point so wichtig war.

Warum Sloane in Daniels Leben aufgetaucht war.

Warum mein Vater sterben musste.

Doch dann zog Elias einen zweiten Umschlag hervor.

„Es gibt noch etwas.“

Ich sah ihn an.

„Was?“

Er reichte ihn mir.

Auf der Vorderseite stand:

DNA-TEST

Ich öffnete ihn.

Das Ergebnis war eindeutig.

Ich las die Namen.

Dann das Ergebnis.

Meine Hände begannen zu zittern.

Ich blickte zu Daniel.

„Wenn das stimmt...“

Daniel sagte nichts.

Ich sah wieder auf das Papier.

Dann hörte ich plötzlich ein Geräusch hinter uns.

Ein Auto.

Ein zweites Fahrzeug hielt am See.

Die Tür öffnete sich.

Ein Mann stieg aus.

Elias wurde kreidebleich.

Sloane wich zurück.

Daniel flüsterte:

„Das kann nicht sein.“

Der Mann kam langsam näher.

Ich konnte sein Gesicht zunächst nicht erkennen.

Dann trat er ins Licht.

Und ich sah ihn.

Marcus Bennett.

Rodericks Vater.

Der Mann, von dem meine Mutter gesagt hatte, er dürfe niemals erfahren, dass ich lebe.

Er blieb wenige Meter vor mir stehen.

Dann sah er mich an.

Und sagte nur:

„Du bist also endlich groß genug, um die Wahrheit zu erfahren.“

Er lächelte.

Doch bevor ich antworten konnte, fiel sein Blick auf den DNA-Test in meiner Hand.

Sein Lächeln verschwand.

„Wer hat dir das gegeben?“

Ich antwortete nicht.

Marcus sah zu Daniel.

Dann zu Elias.

Und schließlich zu Sloane.

„Ihr habt einen Fehler gemacht.“

Er zog sein Handy heraus.

In diesem Moment klingelte mein eigenes Telefon.

Eine unbekannte Nummer.

Ich nahm ab.

Am anderen Ende hörte ich eine junge Männerstimme.

„Clarissa?“

Ich sagte nichts.

„Ich weiß, dass du gerade bei Marcus bist.“

Mein Herz raste.

„Wer bist du?“

Eine kurze Pause.

Dann sagte die Stimme:

„Ich bin dein Bruder.“

Die Verbindung brach ab.

Ich starrte auf mein Handy.

Und zum ersten Mal in meinem Leben wusste ich nicht mehr, welche Wahrheit ich fürchten sollte.

Die Wahrheit über meine Familie.

Oder die Wahrheit darüber, warum mein Bruder sich zehn Jahre lang vor mir versteckt hatte.