TEIL 3 – Der Plan hinter Sloane
„Sloane war vielleicht Teil eines Plans.“
Margarets Worte gingen mir nicht mehr aus dem Kopf.
Ich saß noch immer am Fenster und starrte hinaus auf den See.
Das Wasser bewegte sich kaum.
Alles wirkte ruhig.
Fast friedlich.
Doch in meinem Inneren war nichts mehr ruhig.
„Was genau hast du gefunden?“, fragte ich.
Margaret schwieg einen Moment.
Dann sagte sie:
„Ich möchte, dass du dich hinsetzt.“
Ich setzte mich.
„Vor ungefähr acht Monaten“, begann sie, „hat Daniel eine Gesellschaft gegründet.“
„Welche Gesellschaft?“
„Northlake Advisory.“
Ich runzelte die Stirn.
Der Name sagte mir zunächst nichts.
„Was hat sie mit Sloane zu tun?“
„Sloane war eine der ersten Personen, die dort als externe Beraterin aufgeführt wurde.“
Ich schloss die Augen.
Natürlich.
Es konnte kein Zufall sein.
„Wie viel Geld ist über diese Gesellschaft geflossen?“
„Noch wissen wir es nicht genau.“
„Margaret.“
„Mehrere hunderttausend Dollar.“
Mein Magen zog sich zusammen.
„Von wem?“
„Von einer Firma, die zu Daniels Unternehmensgruppe gehört.“
Ich stand auf.
„Er hat ihr Geld gegeben.“
„Ja.“
„Wie viel?“
„Etwa zweihundertvierzigtausend Dollar.“
Ich sagte nichts.
Zweihundertvierzigtausend.
Das war keine zufällige Zahlung.
Das war keine kleine Gefälligkeit.
Das war eine Entscheidung.
Eine bewusste Entscheidung.
„Wofür?“
Margaret antwortete:
„Auf den Unterlagen steht Beratung.“
Ich musste bitter lächeln.
„Natürlich.“
Ich erinnerte mich an all die Abende, an denen Daniel spät nach Hause gekommen war.
„Geschäftliches.“
Immer dieselbe Erklärung.
„Ein wichtiger Kunde.“
„Ein neues Projekt.“
„Ein schwieriger Vertrag.“
Vielleicht war nichts davon gelogen gewesen.
Vielleicht war es nur nie die ganze Wahrheit gewesen.
„Gibt es Beweise, dass Sloane wusste, dass er verheiratet war?“
„Ja.“
„Welche?“
Margaret schickte mir eine Kopie einer E-Mail.
Der Betreff lautete:
Cedar Point – Familienangelegenheit
Ich las die Nachricht.
Sie war von Sloane an Daniel geschickt worden.
Du weißt, dass ich nicht ewig warten kann. Du hast mir versprochen, dass sich nach der Trennung etwas ändern wird. Ich will nicht mehr im Hintergrund stehen. Du hast gesagt, dass sie das Haus nicht behalten wird. Ich will, dass du dein Versprechen hältst.
Ich las die E-Mail zweimal.
Dann ein drittes Mal.
„Wann wurde sie geschrieben?“
„Vor sechs Monaten.“
Ich legte das Handy auf den Tisch.
„Das war lange bevor ich etwas wusste.“
„Ja.“
„Und sie wusste von Cedar Point.“
„Offenbar.“
Ich stand auf und ging durch das Wohnzimmer.
Plötzlich fügten sich kleine Erinnerungen zusammen.
Sloanes erste Bemerkung über das Haus.
Die Art, wie sie die alten Familienfotos betrachtet hatte.
Ihre Frage nach meiner Mutter.
Damals hatte ich es für Neugier gehalten.
Jetzt wirkte alles anders.
„Margaret.“
„Ja?“
„Glaubst du, sie wollte mich nur wegen Daniel loswerden?“
Margaret antwortete nicht sofort.
„Ich glaube, wir sollten nicht davon ausgehen, dass wir bereits alles wissen.“
Das war genau die Antwort, die ich nicht hören wollte.
Denn sie bedeutete, dass hinter der Affäre noch etwas anderes lag.
Etwas Größeres.
* * *
Am nächsten Morgen fuhr ich zu Daniels Büro.
Nicht, um mit ihm zu streiten.
Nicht, um ihn zur Rede zu stellen.
Ich wollte Antworten.
Als ich sein Büro betrat, sah seine Assistentin überrascht auf.
„Frau Pierce?“
„Ich muss zu Daniel.“
„Er hat gerade eine Besprechung.“
„Dann warte ich.“
Zehn Minuten später öffnete sich die Tür.
Daniel stand dort.
Als er mich sah, veränderte sich sein Gesicht.
„Was machst du hier?“
„Wir müssen reden.“
„Jetzt?“
„Ja.“
Er ließ mich hinein.
Auf seinem Schreibtisch lagen mehrere Akten.
Ich setzte mich nicht.
„Kennst du Northlake Advisory?“
Er erstarrte.
Nur für einen Sekundenbruchteil.
Aber ich bemerkte es.
„Woher kennst du diesen Namen?“
„Das ist keine Antwort.“
„Es ist eine private Gesellschaft.“
„Mit zweihundertvierzigtausend Dollar von deiner Firma.“
Er sah mich an.
„Wer hat dir das erzählt?“
„Also stimmt es.“
„Das habe ich nicht gesagt.“
„Du musst nichts sagen.“
Ich legte die E-Mail auf seinen Tisch.
Sein Blick fiel darauf.
„Woher hast du die?“
„Von Margaret.“
Daniel nahm das Blatt.
Seine Finger zitterten leicht.
„Du verstehst den Kontext nicht.“
„Dann erklär ihn mir.“
Er schwieg.
„Warum hast du Sloane bezahlt?“
„Weil sie für mich gearbeitet hat.“
„Als was?“
„Beraterin.“
„Wobei?“
Keine Antwort.
Ich ging näher.
„Wobei?“
Daniel sah mich an.
„Bei der Vorbereitung der Trennung.“
Ich musste schlucken.
„Du hast sie bezahlt, um meine Ehe zu beenden?“
„Nein.“
„Was dann?“
„Um die Vermögensaufteilung vorzubereiten.“
Ich starrte ihn an.
„Du hast Monate vor unserem Streit geplant, wie du mein Vermögen aufteilen würdest.“
„Es war nur eine Vorsichtsmaßnahme.“
„Nein.“
Meine Stimme blieb ruhig.
„Das war Vorbereitung.“
Daniel sah weg.
Ich wusste, dass ich getroffen hatte.
Doch dann sagte er:
„Es gab noch einen anderen Grund.“
„Welchen?“
Er schwieg lange.
Dann nahm er eine Akte aus einer Schublade.
„Sloane hat etwas über deine Familie herausgefunden.“
Mein Herz blieb beinahe stehen.
„Was?“
„Etwas über deinen Vater.“
Ich spürte sofort einen kalten Schauer.
„Was weiß sie?“
Daniel öffnete die Akte.
Darin lagen alte Dokumente.
„Dein Vater hatte vor seinem Tod Schulden.“
„Das wusste ich.“
„Nicht diese Art von Schulden.“
Er schob mir einen Vertrag zu.
Ich las den Namen.
Dann das Datum.
Dann die Summe.
Ich verstand zunächst nichts.
„Was ist das?“
„Ein Darlehen.“
„Von wem?“
Daniel zeigte auf die Unterschrift.
Ich kannte den Namen.
Robert Hale.
Mein Vater.
„Das kann nicht stimmen.“
„Doch.“
„Mein Vater hätte niemals so viel Geld geliehen.“
„Er hat es nicht für sich geliehen.“
Ich hob den Blick.
„Für wen?“
Daniel sagte:
„Für dich.“
Ich starrte ihn an.
„Was?“
„Das Geld wurde kurz vor deiner Geburt aufgenommen.“
Mir wurde kalt.
„Warum?“
Daniel öffnete eine weitere Akte.
Darin lag eine alte Krankenhausrechnung.
Dann ein medizinischer Bericht.
Dann ein Foto.
Ein Baby.
Ich.
Auf der Rückseite des Fotos stand das Datum meiner Geburt.
Und darunter ein Satz in der Handschrift meiner Mutter:
„Wir müssen sie vor ihm schützen.“
Ich sah Daniel an.
„Vor wem?“
Er antwortete nicht.
Ich blätterte weiter.
Dann fand ich einen Namen.
Elias Mercer.
„Wer ist das?“
Daniel wurde blass.
„Ein Mann, der damals als Geschäftspartner deines Vaters galt.“
„Und heute?“
„Er lebt noch.“
„Wo?“
Daniel sah mich an.
„In Cedar Point.“
Mein Herz begann zu rasen.
„Du kennst ihn?“
„Ja.“
„Seit wann?“
„Seit deiner Hochzeit.“
Ich wich einen Schritt zurück.
„Dann war er die ganze Zeit in meiner Nähe.“
Daniel nickte.
„Er hat dich beobachtet.“
Ich dachte an Sloane.
An die E-Mails.
An die Zahlungen.
An das Haus.
An meinen Vater.
Plötzlich wurde mir klar, dass Daniel vielleicht nicht derjenige gewesen war, der diesen ganzen Plan begonnen hatte.
Vielleicht war er selbst nur ein Teil davon.
„Warum hast du mir das nie erzählt?“
Daniel sah mich an.
„Weil ich Angst hatte.“
„Vor wem?“
Er antwortete:
„Vor Elias.“
Ich nahm mein Handy.
In diesem Moment erhielt ich eine Nachricht.
Eine unbekannte Nummer.
Nur ein Satz:
Du suchst endlich an der richtigen Stelle.
Darunter erschien ein Foto.
Ich öffnete es.
Es zeigte den Steg hinter Cedar Point House.
Und dort stand ein Mann.
Alt.
Graues Haar.
Dunkler Mantel.
Ich kannte ihn nicht.
Doch auf der Rückseite des Fotos stand:
Elias Mercer – aufgenommen heute Morgen.
Dann kam eine zweite Nachricht.
Komm heute Nacht allein zum See.
Ich sah Daniel an.
„Wer hat dir diese Nachricht geschickt?“
Er schüttelte den Kopf.
„Ich weiß es nicht.“
Mein Handy vibrierte erneut.
Eine letzte Nachricht erschien:
Und bring die Originalunterlagen deines Vaters mit.
Ich sah auf den Bildschirm.
Dann verstand ich etwas.
Jemand wusste genau, welche Unterlagen ich besaß.
Jemand wusste, dass ich die Wahrheit suchte.
Und jemand wollte unbedingt, dass ich heute Nacht zum See kam.
Doch bevor ich das Handy weglegen konnte, kam eine weitere Nachricht.
Diesmal nur fünf Worte:
Vertrau Daniel auf keinen Fall.



