TEIL 6 — DIE KÖNIGIN VON BLACKWOOD
Die alte Blackwood-Fabrik stand am Stadtrand.
Verlassen.
Dunkel.
Aber nicht leer.
Ich stieg aus dem Wagen.
Ethan, Ryan, Nathan, Oliver und Damian blieben zurück.
Ich hatte versprochen, allein hineinzugehen.
Aber ich wusste, dass meine Brüder niemals wirklich weit entfernt sein würden.
Adrian stand neben mir.
„Du hast gesagt, ich darf nicht mit.“
„Ich habe meine Meinung geändert.“
„Warum?“
„Weil ich will, dass du siehst, was du weggeworfen hast.“
Er sah mich an.
„Amelia …“
„Nicht jetzt.“
Wir gingen hinein.
Die große Fabrikhalle lag fast vollständig im Dunkeln.
Dann gingen die Lampen eine nach der anderen an.
In der Mitte stand ein Stuhl.
Meine Mutter saß darauf.
Ihre Hände waren gefesselt.
„Mama!“
Ich wollte zu ihr rennen.
Adrian hielt mich zurück.
„Warte.“
Ein Mann erschien hinter ihr.
Graues Haar.
Dunkler Anzug.
Ein Gesicht, das Adrian sofort erkannte.
„Papa.“
Der Mann lächelte.
„Mein Sohn.“
Adrian sah ihn an.
„Du bist tot.“
„Das hast du gehofft.“
Er sah mich an.
„Amelia Sterling.“
Ich blieb stehen.
„Lass meine Mutter frei.“
„Das kann ich.“
Er lächelte.
„Sobald du das Erbe überträgst.“
„Du meinst die 420 Millionen?“
„Nein.“
Er lachte.
„Das ist nur das, was sichtbar ist.“
Mein Herz schlug schneller.
„Was meinst du?“
„Dein Vater hat dir viel mehr hinterlassen.“
Er ging zu einem Tisch.
Dort lag eine schwarze Akte.
„Der Sterling Trust.“
Er tippte darauf.
„Unternehmen. Banken. Grundstücke. Patente. Internationale Fonds.“
Er sah mich an.
„Aber vor allem …“
Er lächelte.
„Einfluss.“
Adrian sah seinen Vater an.
„Warum hast du uns benutzt?“
Sein Vater drehte sich um.
„Weil du schwach warst.“
Adrian erstarrte.
„Du hattest eine Aufgabe.“
„Welche?“
„Amelia zu heiraten.“
Die Worte schnitten durch den Raum.
Adrian sah mich an.
„Ich wusste es nicht.“
„Aber du hast es getan.“
Sein Vater fuhr fort:
„Du solltest ihr Vertrauen gewinnen.“
„Und danach?“
„Das Erbe sichern.“
Ich sah ihn an.
„Und Victoria?“
„Eine Ablenkung.“
„Die Misshandlung?“
„Ein Fehler.“
Adrian sah ihn geschockt an.
„Ein Fehler?“
„Du bist zu weit gegangen.“
Meine Wut stieg.
„Also war mein Schmerz Teil eines Plans?“
„Ja.“
Ich sah meine Mutter an.
Sie weinte.
„Aber du hast eines falsch verstanden.“
Er runzelte die Stirn.
„Was?“
Ich lächelte.
„Ich war nie allein.“
In diesem Moment öffneten sich alle Türen der Fabrik.
Die Lichter gingen an.
Ethan stand oben auf der Metallgalerie.
Ryan neben ihm.
Nathan, Oliver und Damian verteilten sich in der Halle.
Der Mann sah nach oben.
„Wie …“
Ethan lächelte.
„Du dachtest wirklich, wir würden sie allein kommen lassen?“
Damian ging zu einer Konsole.
„Die Fabrik steht unter unserer Kontrolle.“
Oliver hielt eine Akte hoch.
„Und dein gesamtes Finanznetzwerk steht kurz davor, öffentlich gemacht zu werden.“
Der Mann sah mich an.
„Du hast mich betrogen.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Ich ging zu meiner Mutter.
„Du hast dich selbst überschätzt.“
Adrian befreite sie.
Sein Vater sah ihn an.
„Du entscheidest dich für sie?“
Adrian sah mich an.
„Ja.“
Sein Vater lachte.
„Für eine einzige Frau?“
Adrian antwortete:
„Für meine Frau.“
Ich sah ihn an.
Zum ersten Mal fühlte ich nichts von der alten Liebe.
Aber vielleicht …
war da etwas anderes.
Respekt.
Der Mann wurde verhaftet, bevor er fliehen konnte.
Doch als Damian die schwarze Akte öffnete, verschwand sein Lächeln.
„Amelia …“
Ich sah ihn an.
„Was?“
Er drehte das Dokument zu mir.
Oben stand:
STERLING SUCCESSION — FINAL BENEFICIARY.
Darunter stand mein Name.
Doch unter meinem Namen stand noch eine weitere Zeile.
IM FALLE DES TODES VON AMELIA GEHT DAS GESAMTE VERMÖGEN ÜBER AN:
Ich las den Namen.
Mein Herz blieb stehen.
ADRIAN BLACKWOOD.
Ich sah langsam zu meinem Mann.
Adrian wurde blass.
„Ich wusste davon nichts.“
Ethan nahm das Dokument.
„Das ist unmöglich.“
Oliver sah auf das Datum.
„Das Dokument wurde gestern geändert.“
Eine eisige Stille breitete sich aus.
Gestern.
Nicht vor Jahren.
Nicht während unserer Ehe.
Gestern.
Jemand hatte gestern mein Testament geändert.
Und nur jemand mit Zugang zu meiner Familie konnte das getan haben.
Ich sah meine fünf Brüder an.
Meine Mutter.
Adrian.
Dann bemerkte ich etwas auf dem letzten Dokument.
Eine Unterschrift.
Meine Unterschrift.
Aber ich hatte es nie unterschrieben.
Ich flüsterte:
„Jemand ist in unserer Familie.“
Damian sah auf das Dokument.
„Und diese Person wollte, dass Adrian alles bekommt.“
Ich blickte in die dunkle Fabrikhalle.
Der Krieg mit den Blackwoods war vorbei.
Aber ein viel gefährlicherer Krieg stand kurz davor, zu beginnen.
Denn jetzt wusste ich eines ganz sicher.
Der Feind stand nicht länger außerhalb der Familie.
Er stand mitten unter uns.



