TEIL 6 — DIE FRAU NAMENS ISABEL
Ich hatte den Namen seit elf Jahren nicht mehr gehört.
Isabel.
Ein Name, der in meiner Erinnerung eigentlich nicht existierte.
Und trotzdem stand er in Josés Handschrift auf einer Seite, die er offenbar absichtlich vor mir verborgen hatte.
Carlos saß mir gegenüber.
Laura stand hinter ihm.
Beide warteten auf eine Antwort.
„Mama?“
Ich strich mit dem Finger über den Namen.
„Ich kenne keine Isabel.“
Carlos runzelte die Stirn.
„Aber Papa kannte sie.“
„Offensichtlich.“
„Warum hast du nie von ihr gehört?“
Ich sah meinen Sohn an.
„Vielleicht wollte dein Vater nicht, dass ich von ihr weiß.“
Dieser Satz ließ die Stimmung im Raum kippen.
Laura setzte sich langsam.
„Glaubst du, Papa hatte eine andere Frau?“
Ich hob den Kopf.
„Nein.“
Meine Antwort kam sofort.
Zu sofort.
Carlos bemerkte es.
„Du bist dir sicher?“
Ich stand auf.
„Ich war fünfundvierzig Jahre mit deinem Vater verheiratet.“
„Das weiß ich.“
„Ich kannte ihn.“
Carlos schwieg.
„Oder zumindest dachte ich, ich kannte ihn.“
Diese Worte taten weh.
Nicht weil ich plötzlich an eine Affäre glaubte.
Sondern weil ich merkte, dass ich vielleicht elf Jahre lang mit einem halben Bild meines eigenen Mannes gelebt hatte.
Am nächsten Morgen fuhr ich mit Morales ins Stadtarchiv.
Ich hatte kaum geschlafen.
Die ganze Nacht hatte ich mich gefragt, wer Isabel sein konnte.
Eine Geschäftspartnerin?
Eine Verwandte?
Eine frühere Bekannte?
Vielleicht jemand, der mit dem Hof zu tun hatte?
Das Archiv roch nach Papier und Staub.
Eine ältere Mitarbeiterin brachte uns mehrere alte Register.
Morales hatte das Datum aus Josés Notiz gefunden.
Es war fast vierzig Jahre her.
Wir begannen mit den Grundstücksunterlagen.
Nichts.
Dann mit den Firmenunterlagen.
Nichts.
Schließlich fanden wir einen Namen.
Isabel Navarro.
Ich starrte darauf.
„Navarro?“
Morales nickte.
„Sagt Ihnen der Name etwas?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Wir suchten weiter.
Isabel Navarro war damals zweiunddreißig gewesen.
Sie hatte in einer kleinen Bank gearbeitet.
Und sie war an dem Kauf des ursprünglichen Grundstücks beteiligt gewesen.
Mein Herz begann schneller zu schlagen.
„Was genau hat sie gemacht?“
Morales blätterte.
„Sie war die zuständige Sachbearbeiterin.“
„Bei unserem Kredit?“
„Ja.“
Ich erinnerte mich plötzlich.
Vierzig Jahre zuvor hatten José und ich einen Kredit beantragt.
Die Bank hatte uns fast abgelehnt.
Eine junge Frau hatte sich damals besonders für unsere Unterlagen interessiert.
Ich erinnerte mich an dunkles Haar.
Eine ruhige Stimme.
Und an einen Satz:
„Geben Sie nicht auf. Dieses Land könnte einmal sehr wichtig werden.“
Ich hatte den Namen vergessen.
Aber jetzt wusste ich es.
Isabel.
„Sie war es“, flüsterte ich.
Morales sah mich an.
„Was?“
„Sie hat uns damals geholfen.“
Wir fanden ihre damalige Adresse.
Doch sie existierte nicht mehr.
Morales suchte weiter.
Dann hielt er plötzlich inne.
„Benita.“
„Ja?“
„Hier ist etwas.“
Er legte mir eine Kopie hin.
Es war ein Dokument über eine private Stiftung.
Gründungsdatum: vor elf Jahren.
Genau drei Monate vor Josés Tod.
Der Name der Stiftung:
Fundación Navarro.
Ich sah ihn an.
„Navarro.“
Morales nickte.
„Isabel Navarro.“
Mir wurde kalt.
„Warum sollte José eine Stiftung nach ihr benennen?“
Er antwortete nicht.
Auf der letzten Seite stand eine aktuelle Kontaktadresse.
Nicht weit von unserem Hof entfernt.
Am selben Nachmittag fuhren wir dorthin.
Das Haus war klein.
Einfach.
Kein Luxus.
Kein großes Tor.
Keine Sicherheitskameras.
Ich stieg aus.
Meine Hände zitterten.
Ich klingelte.
Nichts.
Ich klingelte erneut.
Dann hörte ich Schritte.
Die Tür öffnete sich.
Eine Frau stand vor mir.
Sie war älter geworden.
Ihr Haar war grau.
Aber ihre Augen erkannte ich sofort.
„Isabel?“
Sie sah mich an.
Für einen Moment sagte sie nichts.
Dann wurde ihr Gesicht bleich.
„Benita.“
Ich konnte kaum atmen.
„Sie kennen mich.“
Sie nickte.
„Natürlich kenne ich Sie.“
„Warum?“
Isabel öffnete die Tür weiter.
„Kommen Sie herein.“
Carlos und Laura waren ebenfalls gekommen.
Wir gingen hinein.
Das Wohnzimmer war klein.
An der Wand hing ein altes Foto.
José.
Ich blieb stehen.
„Warum haben Sie ein Foto von meinem Mann?“
Isabel setzte sich.
„Weil José mein Bruder war.“
Niemand bewegte sich.
Ich dachte, ich hätte mich verhört.
„Was?“
Carlos sprang auf.
„Das ist unmöglich.“
Isabel sah ihn an.
„Nein.“
Sie zeigte auf das Foto.
„José war der Sohn meines Vaters aus erster Ehe.“
Ich starrte sie an.
Vierzig Jahre Ehe.
Elf Jahre Witwenschaft.
Und ich hatte nie gewusst, dass mein Mann eine Schwester hatte.
„Warum hat er mir nie von Ihnen erzählt?“
Isabel senkte den Blick.
„Weil unser Vater wollte, dass wir getrennt bleiben.“
„Warum?“
Sie sah mich an.
„Weil es um dieses Land ging.“
Ich setzte mich langsam.
„Was hat unser Hof damit zu tun?“
Isabel schwieg.
Dann stand sie auf und ging zu einem Schrank.
Sie holte eine alte Mappe heraus.
„José hat mir vor seinem Tod gesagt, dass eines Tages jemand versuchen würde, Ihnen den Hof wegzunehmen.“
Carlos sah mich an.
„Er wusste davon?“
„Er wusste, dass Ihre Mutter…“
Isabel brach ab.
„Welche Mutter?“
„Unsere Mutter.“
Sie legte ein Foto auf den Tisch.
Darauf war eine junge Frau.
Neben ihr ein kleiner Junge.
José.
Und ein Mädchen.
Isabel.
„Unser Vater besaß ursprünglich viel mehr Land.“
Sie zeigte auf die Karte.
„Der heutige Hof war nur ein kleiner Teil davon.“
„Was geschah mit dem Rest?“
Isabel sah mich direkt an.
„Er wurde gestohlen.“
„Von wem?“
Sie öffnete die Mappe.
Darin lag ein alter Brief.
Die Unterschrift kannte ich.
Nicht von José.
Sondern von meinem verstorbenen Schwiegervater.
Ich las die ersten Zeilen.
Dann wurde mir schlecht.
Denn dort stand:
„Wenn José das Land jemals zurückbekommt, muss Benita davon ferngehalten werden.“
Ich hob langsam den Kopf.
„Warum sollte man mich fernhalten?“
Isabel antwortete:
„Weil Sie die Einzige sind, die beweisen kann, wem das Land wirklich gehört.“



