TEIL 4 — Der Mann, den ich begraben hatte
Ich konnte mich nicht bewegen.
Der Ballsaal war plötzlich voller Stimmen.
Menschen wichen zurück.
Jemand rief nach einem Arzt.
Meine Mutter hielt Daisy fest.
Und auf dem Boden lag ein Mann.
Er hatte graue Haare.
Ein blasses Gesicht.
Und eine Narbe über der linken Augenbraue.
Ich kannte diese Narbe.
Ich hatte sie selbst einmal geküsst.
„Lucas…“
Das Wort verließ meinen Mund kaum hörbar.
Der Mann öffnete die Augen.
Er sah mich an.
Dann sagte er:
„Emily.“
Meine Knie gaben nach.
Daniel fing mich auf.
„Das ist unmöglich.“
Ich hörte meine eigene Stimme nicht mehr.
Ich sah nur ihn.
Den Mann, dessen Sarg ich vor drei Jahren gesehen hatte.
Den Mann, dessen Grab ich besucht hatte.
Den Mann, um den ich jeden Geburtstag unserer Tochter geweint hatte.
Lucas.
Er lebte.
Daisy riss sich aus den Armen meiner Mutter.
„Papa?“
Lucas begann zu weinen.
„Daisy.“
Sie rannte zu ihm.
Ich wollte sie stoppen.
Ich konnte nicht.
Lucas setzte sich mühsam auf und nahm unsere Tochter in die Arme.
Sie klammerte sich an ihn.
„Du bist nicht tot.“
„Nein, meine Kleine.“
Ich ging langsam auf ihn zu.
„Wie?“
Lucas sah mich an.
In seinen Augen lag unendliche Traurigkeit.
„Ich konnte nicht zurückkommen.“
„Drei Jahre.“
„Ich weiß.“
„DREI JAHRE!“
Meine Stimme brach.
„Ich habe dich beerdigt.“
„Ich weiß.“
„Ich habe unserer Tochter erzählt, dass du tot bist.“
Er senkte den Kopf.
„Ich weiß.“
„Warum?“
Lucas sah zu Christopher.
Dann zu Conrad.
„Weil sie mich töten wollten.“
Christopher rannte plötzlich auf die Hintertür zu.
Daniel stellte sich ihm in den Weg.
„Nicht so schnell.“
Christopher blieb stehen.
„Du verstehst das nicht.“
„Dann erklär es.“
Lucas stand langsam auf.
„Christopher hat damals Geld aus meinem Unternehmen gestohlen.“
Christopher schüttelte den Kopf.
„Das war nicht ich.“
„Doch.“
„Du hast keine Beweise.“
Lucas sah auf die schwarze Tasche.
„Doch.“
Ich blickte zu der Tasche.
„Die Fotos?“
Lucas nickte.
„Und die Dokumente.“
Er erklärte, dass er am Abend des angeblichen Unfalls entdeckt hatte, dass Christopher nicht allein gehandelt hatte.
Conrad war sein Kontaktmann.
Der Unfall war inszeniert worden.
Lucas sollte sterben.
Doch er hatte überlebt.
Ein Mann hatte ihn aus dem zerstörten Wagen gezogen.
Danach wurde Lucas klar, dass seine Familie in Gefahr war.
Wenn Christopher erfuhr, dass er lebte, würde er versuchen, auch Emily und Daisy zum Schweigen zu bringen.
Deshalb blieb Lucas verschwunden.
„Warum hast du mich nicht kontaktiert?“
Lucas sah mich an.
„Weil ich dich schützen wollte.“
„Du hast mich allein gelassen.“
„Ich weiß.“
„Du hast zugelassen, dass ich dachte, du wärst tot.“
„Ich weiß.“
„Und dann hast du zugelassen, dass ein anderer Mann mich heiratet.“
Lucas schloss die Augen.
„Ich wusste nicht, dass Conrad dich heiraten würde.“
Conrad stand noch immer unter Beobachtung von Daniel.
„Er hat Christopher verraten“, sagte Lucas.
Ich sah ihn an.
„Warum?“
„Weil er Angst bekam.“
Conrad nickte langsam.
„Ich sollte nur Informationen sammeln.“
„Und Lucas töten?“
„Ich wusste nicht, dass er überlebt hatte.“
Christopher schrie:
„Du Idiot!“
Dann wurde es still.
Denn draußen ertönte das Geräusch von Polizeisirenen.
Daniel hatte sie gerufen.
Mehrere Beamte stürmten in den Ballsaal.
Christopher versuchte noch einmal zu fliehen.
Diesmal wurde er festgehalten.
Conrad ließ sich widerstandslos festnehmen.
Doch bevor die Polizei ihn hinausführte, sah er mich an.
„Emily.“
Ich sagte nichts.
„Das mit dir war echt.“
Ich sah ihn lange an.
Dann antwortete ich:
„Vielleicht für dich.“
Ich blickte auf Daisy.
„Für mich ist alles, was du getan hast, jetzt eine Lüge.“
Conrad wurde abgeführt.
Christopher folgte ihm.
Der Ballsaal begann sich langsam zu leeren.
Meine Hochzeit war vorbei.
Doch meine Geschichte war noch lange nicht vorbei.
Ich setzte mich neben Lucas.
Daisy saß zwischen uns.
Zum ersten Mal seit drei Jahren waren wir wieder zusammen.
Aber etwas stimmte nicht.
Lucas hielt den letzten Umschlag aus der schwarzen Tasche in der Hand.
Er hatte ihn bisher nicht geöffnet.
„Was ist darin?“, fragte ich.
Er sah mich an.
„Der Grund, warum Christopher dich unbedingt dazu bringen wollte, Conrad zu heiraten.“
Mein Magen verkrampfte sich.
„Was meinst du?“
Lucas reichte mir den Umschlag.
„Lies ihn.“
Ich öffnete ihn.
Darin befand sich nur ein einziges Blatt.
Und darauf stand:
Emily ist nicht die Frau, für die sie sich hält.
* * *



