TEIL 3 — Der Brief meines verstorbenen Mannes
Ich hielt den Umschlag in der Hand.
Niemand sprach.
Sogar Daisy war ungewöhnlich still.
Ich sah auf meinen Namen.
Die Handschrift kannte ich.
Ich kannte sie besser als jede andere.
Mein Herz begann zu rasen.
Denn diese Handschrift gehörte meinem verstorbenen Mann.
Lucas.
Daisys leiblichem Vater.
Er war vor drei Jahren gestorben.
Bei einem Unfall.
So hatte man es mir damals erzählt.
Ein Verkehrsunfall auf einer Landstraße.
Keine Überlebenschance.
Ich hatte seine Beerdigung organisiert.
Ich hatte meine Tochter in den Armen gehalten, während sie weinte und immer wieder fragte:
„Wann kommt Papa wieder?“
Und jetzt lag vor mir ein Brief von ihm.
Ein Brief, der offenbar nach seinem Tod in den Händen von Conrad und Christopher gelandet war.
„Woher habt ihr das?“
Conrad schüttelte den Kopf.
„Emily…“
„Woher?“
„Lass mich erklären.“
Ich lachte bitter.
„Du hattest acht Monate Zeit.“
Ich sah auf den Umschlag.
„Jetzt erklärst du gar nichts mehr.“
Ich riss ihn auf.
Das Papier darin war alt.
Die erste Zeile ließ meine Knie weich werden.
Emily, wenn du diesen Brief liest, bin ich wahrscheinlich tot.
Ich musste mich am Tisch festhalten.
Meine Mutter begann zu weinen.
Daniel trat näher.
„Emily…“
Ich las weiter.
Ich weiß nicht, wem ich noch vertrauen kann.
Meine Augen wanderten über die nächsten Zeilen.
Lucas schrieb, dass er vor seinem Tod herausgefunden hatte, dass jemand Geld aus seinem Unternehmen verschwinden ließ.
Nicht ein paar Tausend Euro.
Millionen.
Er hatte Beweise gesammelt.
Und er hatte herausgefunden, dass sein eigener Schwager darin verwickelt war.
Christopher.
Ich hob langsam den Kopf.
Mein Bruder stand in der Ecke.
Sein Gesicht war weiß.
„Nein“, sagte er.
„Nein, was?“
„Das ist nicht wahr.“
Ich hielt den Brief hoch.
„Dein Name steht hier.“
Christopher trat näher.
„Das ist eine Fälschung.“
„Lucas' Handschrift?“
„Jemand kann sie nachgemacht haben.“
Conrad sagte plötzlich:
„Christopher hat recht.“
Ich drehte mich zu ihm.
„Du verteidigst ihn?“
Er schwieg.
Ich las weiter.
Lucas schrieb, dass er vorhatte, zur Polizei zu gehen.
Doch dann erwähnte er etwas, das mir den Atem raubte.
Wenn mir etwas passiert, wird Christopher versuchen, Emily zu überzeugen, dass ich paranoid war. Und irgendwann wird er jemanden in ihr Leben bringen, dem sie vertraut.
Ich blickte langsam zu Conrad.
Der Raum schien sich zu drehen.
Conrad schloss die Augen.
„Sag mir, dass das Zufall ist.“
Er antwortete nicht.
„SAG ES!“
Daisy erschrak.
Ich zwang mich sofort, ruhiger zu werden.
„Entschuldige, mein Schatz.“
Dann sah ich wieder Conrad an.
„Wer bist du?“
Er setzte sich.
„Ich wollte dich nie verletzen.“
„Das ist keine Antwort.“
„Ich habe dich geliebt.“
„Auch keine Antwort.“
„Ich sollte dich beobachten.“
Mein Herz blieb stehen.
„Was?“
Christopher fuhr herum.
„Conrad!“
„Es ist vorbei“, sagte Conrad leise.
Dann sah er mich an.
„Dein Bruder hat mich vor zwei Jahren kontaktiert.“
Ich konnte kaum atmen.
„Warum?“
„Er wollte wissen, ob du Lucas' Unterlagen gefunden hattest.“
„Und du?“
„Ich bekam dafür Geld.“
Meine Mutter schluchzte.
Ich spürte, wie etwas in mir zerbrach.
Acht Monate.
Acht Monate hatte ich geglaubt, Conrad sei der Mann, der mich nach dem Tod von Lucas wieder zum Lächeln gebracht hatte.
Der Mann, der Daisy nie ersetzen wollte.
Der Mann, der mir gesagt hatte:
„Du musst nicht vergessen, was du verloren hast. Ich will nur ein Teil deines Lebens sein.“
Alles war eine Lüge gewesen.
„Wie viel?“
Conrad sah zu Boden.
„Wie viel Geld hast du dafür bekommen?“
„Zweihunderttausend.“
Ein Murmeln ging durch den Raum.
Ich nickte langsam.
„Und deshalb hast du mich geheiratet?“
„Am Anfang.“
Das Wort schnitt tiefer als jede Beleidigung.
„Am Anfang?“
„Dann habe ich mich tatsächlich in dich verliebt.“
Ich lachte.
Tränen liefen über mein Gesicht.
„Du erwartest, dass ich das glaube?“
„Es stimmt.“
„Dann warum hast du meine Tochter überwacht?“
Er schwieg.
Daisy begann zu weinen.
Meine Mutter nahm sie sofort in den Arm.
Ich ging zu meiner Tochter.
„Du gehst jetzt mit Oma nach unten.“
Daisy wollte meine Hand nicht loslassen.
„Aber Mama…“
„Ich komme gleich.“
Sie nickte widerwillig.
Als sie gegangen war, nahm ich den letzten Teil des Briefes.
Meine Hände zitterten.
Emily, wenn Christopher irgendwann behauptet, mein Tod sei ein Unfall gewesen, glaub ihm nicht.
Ich las die nächste Zeile.
Und dann die nächste.
Bis ich zu einem Namen kam.
Ein Name, den ich nicht erwartet hatte.
Der Mann, der den Unfall verursacht hat, heißt Conrad Miller.
Ich ließ das Papier fallen.
Conrad wurde blass.
„Emily…“
Ich wich zurück.
„Du.“
Er stand auf.
„Ich wollte das nicht.“
„Du hast Lucas getötet?“
„Es war ein Auftrag.“
Christopher rief:
„Halt den Mund!“
Zu spät.
Alle hatten es gehört.
Daniel nahm sein Handy.
„Ich rufe jetzt die Polizei.“
Christopher stürzte zur Tür.
Doch bevor er sie erreichte, ertönte unten ein lauter Schrei.
Dann hörten wir Daisy.
„Mama!“
Ich rannte hinaus.
Und als ich die Treppe hinunterblickte, sah ich meine Tochter mitten im Ballsaal stehen.
Neben ihr lag ein Mann.
Ein Mann, den ich seit drei Jahren für tot gehalten hatte.
* * *



