TEIL 5 — Der Mann, den ich für den Vater meiner Kinder hielt, war nicht ihr Vater
„Sag es mir.“
Meine Stimme zitterte.
„Wer ist der Vater meiner Kinder?“
Am anderen Ende der Leitung weinte meine Mutter.
„Mia… ich wollte dich schützen.“
„Vor wem?“
„Vor der Wahrheit.“
Ich schloss die Augen.
„Fünf Jahre lang hast du mich belogen. Heute wirst du mir alles erzählen.“
Lange Stille.
Dann sagte sie:
„Dein Großvater hat vor deinem Tod—“
Sie brach ab.
„Was?“
„Nicht dein Großvater.“
Ihre Stimme wurde leiser.
„Dein Mann.“
Ich erstarrte.
„Welcher Mann?“
„Der Mann, den du geheiratet hast.“
Mein Herz schlug schneller.
„Ich war nie verheiratet, Mama.“
„Doch.“
Ich konnte nicht mehr sprechen.
Meine Mutter weinte.
„Du erinnerst dich nicht daran, weil wir dafür gesorgt haben, dass du dich nicht erinnerst.“
* * *
Ich sah Daniel an.
Er hatte jedes Wort gehört.
„Was meint sie?“
Daniel wurde blass.
„Ich glaube, wir müssen gehen.“
„Nein.“
Ich packte seinen Arm.
„Du weißt etwas.“
Er schwieg.
„Daniel!“
Er sah zu meinen Kindern.
„Deine Mutter hat nicht die ganze Wahrheit gesagt.“
„Dann sag du sie mir.“
Er atmete tief ein.
„Vor sechs Jahren gab es einen Unfall.“
Ich runzelte die Stirn.
„Welchen Unfall?“
„Du warst damals zweiundzwanzig.“
„Und?“
„Du warst schwanger.“
Mir wurde schwindelig.
„Was?“
„Mit Zwillingen.“
Ich sah meine Kinder an.
Meine Hände begannen zu zittern.
„Das ist unmöglich.“
„Nein.“
Daniel holte ein altes Foto heraus.
Es zeigte mich.
Jünger.
Mit einem Mann an meiner Seite.
Ich kannte ihn nicht.
Doch meine Tochter hatte seine Augen.
Ich starrte auf das Bild.
„Wer ist das?“
Daniel antwortete:
„Mein Bruder.“
Ich konnte kaum atmen.
„Adrian?“
Er schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Dann sagte er den Namen.
„Lucas Hartmann.“
Ich kannte diesen Namen nicht.
Doch irgendetwas in mir reagierte darauf.
Ein Bild.
Ein Geruch.
Eine Stimme.
Dann bekam ich plötzlich Kopfschmerzen.
Ich sah einen Raum.
Eine Krankenhausdecke.
Jemand hielt meine Hand.
Eine Männerstimme flüsterte:
„Du musst mir vertrauen.“
Ich schrie auf.
Daniel fing mich auf.
„Mia!“
Ich öffnete die Augen.
„Ich erinnere mich.“
„Woran?“
„An ihn.“
* * *
Am nächsten Morgen fuhr ich zu meiner Mutter.
Allein.
Sie öffnete die Tür und begann sofort zu weinen.
„Du erinnerst dich.“
Ich sah sie an.
„Warum habt ihr mir meine Vergangenheit genommen?“
„Wir hatten Angst.“
„Vor Lucas?“
Sie erstarrte.
„Du erinnerst dich an seinen Namen?“
Ich nickte.
„Wer war er?“
Meine Mutter setzte sich.
„Lucas war Adrians ältester Sohn.“
Ich verstand gar nichts mehr.
„Warum war ich mit ihm zusammen?“
„Weil dein Großvater es wollte.“
„Was?“
„Er wollte die beiden Familien verbinden.“
Meine Mutter erzählte mir alles.
Lucas und ich hatten uns heimlich verliebt.
Als unsere Familien davon erfuhren, wollten sie die Beziehung beenden.
Dann wurde ich schwanger.
Und plötzlich war ich wertvoller als jede Firma.
Mein Großvater gründete den geheimen Trust.
Lucas wollte mit mir und den Kindern verschwinden.
Doch in jener Nacht kam es zum Unfall.
Lucas starb.
Ich überlebte.
Meine Mutter senkte den Kopf.
„Du hast danach nach deinen Kindern gefragt.“
Ich hielt den Atem an.
„Was ist passiert?“
„Sie wurden gerettet.“
„Aber warum wusste ich nichts?“
Sie sah mich an.
„Weil Adrian behauptete, du würdest dich an nichts erinnern dürfen.“
„Und ihr habt ihm geglaubt?“
„Nein.“
Meine Mutter weinte.
„Wir hatten Angst, dass er dich und die Kinder töten würde.“
Ich stand auf.
„Wo ist Lucas begraben?“
Meine Mutter sah mich an.
„Er wurde nie begraben.“
Ich erstarrte.
„Was?“
„Seine Leiche wurde nie gefunden.“
* * *
Ich kehrte zu meinen Kindern zurück.
Daniel wartete bereits.
„Du weißt es jetzt.“
„Nicht alles.“
Er nickte.
„Das wirst du auch.“
Dann vibrierte mein Telefon.
Eine Nachricht von einer unbekannten Nummer.
„Du suchst nach Lucas.“
Darunter ein Foto.
Ein Mann stand vor einem Gebäude.
Älter.
Abgemagert.
Aber eindeutig er.
Lucas.
Meine Hände begannen zu zittern.
„Das kann nicht sein.“
Daniel nahm das Telefon.
Sein Gesicht verlor jede Farbe.
„Er lebt.“
Eine zweite Nachricht erschien.
„Und er weiß, dass du ihn gefunden hast.“
Dann eine dritte:
„Komm heute Nacht um Mitternacht zum alten Hafen.“
Ich sah Daniel an.
„Ich gehe.“
„Das ist eine Falle.“
„Vielleicht.“
Ich blickte zu meinen Kindern.
„Aber wenn ihr Vater lebt, muss ich die Wahrheit hören.“
Daniel wollte widersprechen.
Da erschien eine letzte Nachricht.
„Bring die Zwillinge mit.“
Mein Herz blieb stehen.
Daniel nahm mir sofort das Telefon aus der Hand.
„Auf keinen Fall.“
Doch draußen hielt bereits ein schwarzer Wagen.
Die Tür öffnete sich.
Und auf dem Rücksitz saß ein Mann, den ich seit fünf Jahren für tot gehalten hatte.
Lucas.
Er sah direkt zu mir.
Dann formte er mit den Lippen drei Worte:
„Sie haben gelogen.“
Ich wusste nicht, wem ich noch glauben konnte.
Meiner Mutter?
Daniel?
Oder dem Mann, dessen Tod meine gesamte Vergangenheit verändert hatte?
Doch eines wusste ich jetzt:
Meine Familie hatte nicht nur mein Vermögen vor mir verborgen.
Sie hatte mir fünf Jahre meines Lebens gestohlen.
Und wenn Lucas tatsächlich lebte, würde ich bald erfahren, warum meine Kinder niemals erfahren sollten, wer ihr Vater war.
FORTSETZUNG FOLGT …



