TEIL 4 — Ich traf den Sohn des Mannes, der meine Kinder jagte
Ich schlief in dieser Nacht keine Minute.
Immer wieder sah ich das Foto meiner Zwillinge.
Zwei kleine Gesichter.
Zwei Kinder, die nicht verstanden, warum plötzlich Erwachsene Angst um sie hatten.
Um 6:30 Uhr rief mich die Schule an.
„Frau Hartmann, Ihre Kinder sind heute nicht hier.“
Mein Herz blieb stehen.
„Was?“
„Sie wurden gestern Abend von einer autorisierten Person abgeholt.“
„Von wem?“
Die Sekretärin zögerte.
„Von Ihnen.“
Ich erstarrte.
„Ich habe niemanden geschickt.“
Stille.
Dann sagte die Frau:
„Die Person hatte eine Kopie Ihres Ausweises.“
Ich legte auf.
Jemand hatte meine Identität benutzt.
Und plötzlich wusste ich, dass Daniel die Wahrheit gesagt hatte.
Meine Kinder waren tatsächlich in Gefahr.
* * *
Um 9 Uhr fuhr ich zu der Adresse, die er mir geschickt hatte.
Ein altes Lagerhaus am Rand von Chicago.
Ich wusste, dass ich nicht allein war.
Michael hatte zwei Sicherheitsleute in einem Abstand von mehreren hundert Metern positioniert.
Aber ich hatte ihm ausdrücklich verboten, näher zu kommen.
Wenn Daniel mich wirklich treffen wollte, durfte ich ihn nicht provozieren.
Ich öffnete die schwere Tür.
„Daniel?“
Keine Antwort.
Dann hörte ich Schritte.
Ein Mann trat aus dem Schatten.
Anfang dreißig.
Dunkler Mantel.
Kurze schwarze Haare.
Sein Gesicht war ruhig.
Aber seine Augen wirkten müde.
„Mia.“
Ich blieb stehen.
„Wo sind meine Kinder?“
„Sicher.“
„Ich will sie sehen.“
„Noch nicht.“
Ich machte einen Schritt auf ihn zu.
„Wenn du mich angelogen hast—“
„Habe ich nicht.“
Er hob die Hände.
„Ich habe sie aus der Stadt gebracht, bevor mein Vater sie finden konnte.“
Ich starrte ihn an.
„Warum?“
„Weil ich weiß, was er vorhat.“
„Dann sag es mir.“
Daniel atmete tief durch.
„Dein Großvater hat meinen Vater nicht aus dem Trust ausgeschlossen, weil er gefährlich war.“
„Warum dann?“
„Weil Adrian bereits wusste, dass du existierst.“
Ich runzelte die Stirn.
„Ich war ein Baby.“
„Genau.“
Daniel trat näher.
„Und dein Großvater wusste, dass Adrian dich benutzen würde, um an das Vermögen zu gelangen.“
Ich schwieg.
„Deshalb wurde dein Erbe geheim gehalten.“
„Warum hat er mich dann nicht gewarnt?“
Daniel sah mich an.
„Weil dein Großvater wusste, dass Menschen, die zu viel wissen, irgendwann verschwinden.“
Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken.
„Ist mein Großvater deshalb gestorben?“
Daniel antwortete nicht.
Das war Antwort genug.
* * *
Er legte eine alte Akte auf den Tisch.
„Lies das.“
Ich öffnete sie.
Es war ein Brief meines Großvaters.
Mia, wenn du diesen Brief findest, hat Adrian wahrscheinlich bereits begonnen, nach dir zu suchen.
Meine Hände zitterten.
Vertraue niemandem, der dir verspricht, dich vor ihm zu schützen.
Ich sah Daniel an.
„Das ist ein ziemlich schlechter Rat, wenn du mich gerade schützen willst.“
Er lächelte schwach.
„Deshalb habe ich dir den Brief gegeben.“
Ich las weiter.
Deine Kinder tragen etwas, das Adrian niemals besitzen darf.
Ich blieb stehen.
„Was?“
Daniel zeigte auf eine zweite Seite.
„Das ist der Grund.“
Darauf befand sich eine medizinische Untersuchung.
Meine Zwillinge waren damals noch nicht geboren.
Aber ihre genetische Abstammung war bereits dokumentiert.
Ich verstand nichts.
„Warum wurde das vor ihrer Geburt gemacht?“
Daniel sagte:
„Weil dein Großvater wusste, dass deine Kinder eine seltene genetische Verbindung zu unserer Familie tragen.“
Ich sah ihn an.
„Und?“
„Diese Verbindung ist notwendig, um einen alten Familienfonds freizugeben.“
„Das erklärt nicht, warum Adrian sie will.“
Daniel schwieg.
Dann sagte er:
„Der Fonds enthält nicht nur Geld.“
Ich wartete.
„Er enthält Beweise.“
Mein Herz schlug schneller.
„Beweise wofür?“
„Für ein Netzwerk, das dein Großvater über Jahrzehnte aufgebaut hat.“
„Was für ein Netzwerk?“
Daniel sah mich direkt an.
„Politiker. Unternehmen. Richter. Banken.“
Ich verstand.
„Erpressung.“
„Schutz.“
„Das ist dasselbe.“
Daniel schüttelte den Kopf.
„Nicht für meinen Großvater.“
* * *
Plötzlich hörten wir draußen einen Wagen.
Daniel wurde sofort aufmerksam.
„Wir müssen gehen.“
„Warum?“
Er zog sein Telefon.
„Mein Vater hat uns gefunden.“
Ich erstarrte.
„Wo sind meine Kinder?“
„Zehn Minuten entfernt.“
„Dann bringen wir sie hierher.“
„Nein.“
„Warum?“
„Weil genau das Adrian will.“
Wir rannten durch einen Hinterausgang.
Draußen wartete ein schwarzer SUV.
Ich stieg ein.
Daniel fuhr.
Nach wenigen Minuten sah ich zwei weitere Fahrzeuge hinter uns.
„Sind das deine Leute?“
„Nein.“
Mein Magen verkrampfte sich.
„Dann wer?“
Daniel beschleunigte.
„Mein Vater.“
* * *
Zwanzig Minuten später erreichten wir ein abgelegenes Haus außerhalb der Stadt.
Die Tür öffnete sich.
Eine Frau kam heraus.
„Mama!“
Ich hörte meine Tochter.
Ich sprang aus dem Wagen.
Meine Zwillinge rannten auf mich zu.
Ich kniete mich hin und schloss beide fest in meine Arme.
„Mama!“
Ich weinte.
Zum ersten Mal seit Tagen.
„Ich bin hier.“
Mein Sohn hielt mich fest.
„Wir hatten Angst.“
„Ich weiß.“
Ich küsste seine Stirn.
„Jetzt bin ich da.“
Doch Daniel stand plötzlich hinter mir.
„Wir haben nicht viel Zeit.“
Ich richtete mich auf.
„Warum?“
Er zeigte auf die Straße.
Drei schwarze Fahrzeuge näherten sich.
„Mein Vater.“
Ich drückte meine Kinder an mich.
Dann hörte ich eine Stimme aus einem Lautsprecher.
„Mia Hartmann.“
Ich erstarrte.
Ein schwarzer Wagen hielt direkt vor dem Haus.
Die hintere Tür öffnete sich.
Ein älterer Mann stieg aus.
Silbernes Haar.
Dunkler Mantel.
Und ein Gesicht, das ich sofort erkannte.
Ich hatte es schon einmal gesehen.
Auf einem alten Familienfoto.
Adrian Hartmann.
Mein totgeglaubter Onkel.
Er sah mich an.
Dann meine Kinder.
Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht.
„Endlich.“
Daniel stellte sich vor mich.
„Du bekommst sie nicht.“
Adrian lachte leise.
„Ich will sie nicht.“
Ich atmete erleichtert auf.
Doch dann fügte er hinzu:
„Ich will nur das, was sie in sich tragen.“
Ich verstand nicht.
Adrian zog einen alten Umschlag aus seinem Mantel.
„Dein Großvater hat dir nie erzählt, warum deine Kinder geboren werden mussten.“
Ich sah ihn an.
„Was soll das bedeuten?“
Adrian lächelte.
„Frag deine Mutter.“
Mein Herz blieb stehen.
„Was hat meine Mutter damit zu tun?“
Adrian sah zu meinen Kindern.
„Alles.“
Dann drehte er sich um.
„Wir sehen uns morgen.“
Er stieg wieder ins Auto.
Bevor die Wagen verschwanden, rief er noch:
„Und Mia?“
Ich sah ihn an.
„Frag deine Mutter, wer der Vater deiner Kinder wirklich ist.“
Das Auto fuhr davon.
Ich stand wie erstarrt da.
Daniel sah mich an.
„Du darfst ihm nicht glauben.“
Aber ich hörte ihn kaum.
Denn plötzlich fiel mir etwas ein.
Meine Mutter hatte mich damals im Krankenhaus besucht.
Sie hatte meine Kinder nie sehen wollen.
Sie hatte nie nach ihrem Vater gefragt.
Und jetzt verstand ich, warum.
Ich nahm mein Telefon.
Ich rief meine Mutter an.
Sie ging sofort ran.
„Mia?“
„Mama.“
Meine Stimme zitterte.
„Wer ist der Vater meiner Kinder?“
Am anderen Ende herrschte absolute Stille.
Dann begann meine Mutter zu weinen.
Und schließlich sagte sie:
„Du darfst die Antwort nicht von Adrian erfahren.“
Ich schloss die Augen.
„Warum?“
Ihre Stimme brach.
„Weil der Mann, den du für den Vater deiner Kinder hältst…“
Sie machte eine Pause.
„…niemals ihr Vater gewesen ist.“
FORTSETZUNG FOLGT …



