TEIL 9 – DER LETZTE SCHACHZUG
Ich starrte auf das Foto auf meinem Handy.
Mein Vater.
Gefesselt.
Verletzt.
Allein in einem dunklen Raum.
* * *
Für einen Moment vergaß ich alles.
Die Lügen.
Den Verrat.
Den Schmerz.
Denn egal, was passiert war…
er war immer noch mein Vater.
Der Mann, der mir als Kind beigebracht hatte, Fahrrad zu fahren.
Der Mann, der nachts neben meinem Bett saß, wenn ich krank war.
Der Mann, den ich trotz allem nie aufgehört hatte zu lieben.
* * *
„Wo ist er?“
fragte ich.
* * *
Meine Mutter sah mich erschrocken an.
„Sophie, das ist eine Falle.“
* * *
„Vielleicht.“
Ich steckte mein Handy ein.
„Aber ich werde meinen Vater nicht sterben lassen.“
* * *
Helena trat näher.
„Du verstehst es nicht.“
* * *
Ich sah sie an.
„Dann erklär es mir.“
* * *
Sie atmete tief ein.
Zum ersten Mal wirkte sie nicht wie die mächtige Frau, die alles kontrollierte.
Sondern wie jemand, der Angst hatte.
* * *
„Daniel Weber ist zurück.“
* * *
Der Name hallte im Raum.
* * *
„Wer ist er wirklich?“
fragte ich.
* * *
Helena schwieg kurz.
Dann sagte sie:
„Er war früher Richards Geschäftspartner.“
* * *
Meine Mutter ergänzte leise:
„Und mein größter Fehler.“
* * *
Ich sah sie an.
* * *
„Daniel und dein Vater bauten gemeinsam ein Unternehmen auf.“
„Aber Daniel wollte immer mehr.“
„Mehr Geld.“
„Mehr Macht.“
* * *
„Als er herausfand, dass dein Urgroßvater dir das gesamte Erbe hinterlassen hatte, wollte er dich benutzen.“
* * *
Ich verstand langsam.
* * *
„Deshalb meine Mutter…“
* * *
Sie nickte.
„Deine Mutter wollte ihn aufhalten.“
* * *
„Und deshalb wurde der Unfall inszeniert.“
* * *
Stille.
* * *
Alles führte zu einem Mann.
Daniel Weber.
* * *
Mein Telefon vibrierte erneut.
Eine Nachricht.
* * *
„Du hast zehn Minuten.“
„Allein.“
„Sonst verschwindet dein Vater für immer.“
* * *
Meine Mutter nahm mein Handgelenk.
„Nein.“
* * *
Ich sah sie an.
„Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, dass andere Menschen Entscheidungen für mich treffen.“
* * *
Ich zog meine Hand zurück.
„Das endet heute.“
* * *
Eine Stunde später stand ich vor einem verlassenen Fabrikgebäude.
Allein.
* * *
Der Wind war eisig.
Die Tür stand offen.
Als hätte jemand auf mich gewartet.
* * *
Ich ging hinein.
Langsam.
Schritt für Schritt.
* * *
Im hinteren Raum fand ich ihn.
* * *
Mein Vater.
Auf einem Stuhl.
Seine Hände gefesselt.
Sein Gesicht voller Erschöpfung.
* * *
„Sophie…“
Seine Stimme brach.
* * *
Ich blieb stehen.
* * *
„Warum?“
* * *
Er sah mich an.
Und ich sah etwas, das ich noch nie gesehen hatte.
Scham.
* * *
„Es tut mir leid.“
* * *
Ich lachte leise.
„Das hast du sehr spät erkannt.“
* * *
Er senkte den Kopf.
* * *
„Ich wollte dich schützen.“
* * *
„Nein.“
Meine Stimme wurde lauter.
„Du hast mich allein gelassen.“
* * *
Er konnte nichts sagen.
* * *
Dann hörte ich eine Stimme hinter mir.
* * *
„Rührend.“
* * *
Ich drehte mich um.
* * *
Ein Mann trat aus dem Schatten.
Elegant gekleidet.
Ruhiges Lächeln.
* * *
Daniel Weber.
* * *
„Sophie.“
Er klatschte langsam.
„Du bist genauso, wie ich erwartet habe.“
* * *
Ich stellte mich vor meinen Vater.
* * *
„Lass ihn frei.“
* * *
Daniel lachte.
„Du glaubst wirklich, du kannst mir Befehle geben?“
* * *
„Nein.“
Ich sah ihn ruhig an.
„Aber ich weiß, dass du nervös bist.“
* * *
Sein Lächeln verschwand leicht.
* * *
„Warum sollte ich nervös sein?“
* * *
Ich nahm mein Handy heraus.
* * *
„Weil du nicht weißt, was ich alles vorbereitet habe.“
* * *
Daniel wurde aufmerksam.
* * *
„Was meinst du?“
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Ich zeigte auf die kleine Kamera an meiner Jacke.
* * *
Sein Gesicht veränderte sich.
* * *
„Du hast alles aufgenommen.“
* * *
Ich nickte.
* * *
„Jedes Wort.“
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Zum ersten Mal verlor Daniel seine Ruhe.
* * *
„Du bist nicht wie dein Vater.“
* * *
Ich lächelte.
* * *
„Nein.“
* * *
„Ich bin schlimmer.“
* * *
Plötzlich gingen draußen Lichter an.
Mehrere Fahrzeuge hielten vor dem Gebäude.
* * *
Polizei.
* * *
Daniel sah zur Tür.
Dann zu mir.
* * *
„Du hast mich hereingelegt.“
* * *
Ich antwortete:
„Nein.“
* * *
„Du hast dich selbst zerstört.“
* * *
Die Tür öffnete sich.
Dr. Evans.
Mein Großvater.
Und mehrere Ermittler kamen herein.
* * *
Daniel wurde festgenommen.
* * *
Aber bevor er abgeführt wurde, blieb er stehen.
Er sah mich an.
* * *
„Du glaubst, du hast gewonnen?“
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Ich sagte nichts.
* * *
Er lächelte kalt.
* * *
„Dann frag deinen Vater, warum er wirklich deine Mutter verschwinden ließ.“
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Alle wurden still.
* * *
Ich drehte mich langsam zu Richard.
* * *
Sein Gesicht wurde blass.
* * *
„Papa…?“
* * *
Er schloss die Augen.
* * *
Und flüsterte:
„Es gibt noch etwas, das du nicht weißt.“
* * *
Mein Herz sank.
* * *
Nach all den Enthüllungen…
gab es immer noch ein Geheimnis.
* * *
Ein Geheimnis, das mein Vater zwanzig Jahre lang verborgen hatte.
* * *
Und diesmal…
würde es meine ganze Wahrheit zerstören.
Fortsetzung folgt…



