Teil 4 – Das rote Buch und Chloes größtes Geheimnis
Wir fuhren noch vor Sonnenaufgang zum alten Haus am See.
Meine Mutter blieb zu Hause. Ihr Zustand war nach den Ereignissen der vergangenen Wochen noch zu instabil, und mein Anwalt hatte ausdrücklich darauf bestanden, dass sie sich nicht in Gefahr brachte.
Maya saß neben mir auf dem Beifahrersitz.
Keiner von uns sprach viel.
Die Nachricht mit der Drohung gegen Maya ging mir nicht aus dem Kopf.
Jemand wusste, dass wir nach dem roten Buch suchten.
Die Frage war nur: Woher?
Als wir das Grundstück erreichten, lag dichter Nebel über dem See. Das Haus sah genauso aus, wie ich es in Erinnerung hatte.
Alt.
Still.
Fast vergessen.
Ich nahm den Schlüssel aus dem Handschuhfach.
„Bist du sicher?“, fragte Maya.
Ich nickte.
„Mein Vater hat hier fast jedes Wochenende verbracht.“
Wir betraten das Haus.
Staub bedeckte die Möbel. An den Wänden hingen noch immer die alten Familienfotos.
Ich blieb vor einem Bild stehen.
Mein Vater.
Meine Mutter.
Und ich als Teenager.
Alles hatte damals so normal ausgesehen.
Ich wusste nicht, dass mein Vater bereits ahnte, dass jemand ihn betrog.
Teil 5 – Der geheime Raum
Wir durchsuchten zunächst das Arbeitszimmer.
Schubladen.
Schränke.
Regale.
Nichts.
Nach fast einer Stunde sagte Maya:
„Carter, sehen Sie sich das an.“
Sie stand vor einem alten Bücherregal.
Ein Buch lag schief.
Ich zog daran.
Nichts geschah.
Dann bemerkte ich eine kleine Metallplatte hinter dem Regal.
Ich drückte darauf.
Ein leises Klicken ertönte.
Das Regal bewegte sich wenige Zentimeter.
Dahinter befand sich eine schmale Tür.
Ich sah Maya an.
„Das habe ich noch nie gesehen.“
Wir öffneten sie.
Dahinter lag ein kleiner Raum.
Ein Schreibtisch.
Ein Tresor.
Und an der Wand mehrere Aktenordner.
Ich ging langsam hinein.
Auf dem Schreibtisch lag ein rotes Buch.
Ich wusste sofort, dass wir es gefunden hatten.
Maya blieb an der Tür stehen.
„Soll ich die Polizei rufen?“
„Ja.“
Doch bevor sie ihr Handy herausnehmen konnte, hörten wir draußen ein Auto.
Wir erstarrten.
Ein Wagen hielt vor dem Haus.
Dann wurde die Tür zugeschlagen.
Jemand kam auf das Haus zu.
Ich löschte das Licht.
„Bleib hier.“
„Nein.“
Maya trat neben mich.
„Wir bleiben zusammen.“
Schritte näherten sich.
Dann wurde die Haustür geöffnet.
Eine Männerstimme rief:
„Carter!“
Ich erkannte sie.
Robert Vance.
Teil 6 – Robert Vance
„Du hättest nicht hierherkommen sollen“, sagte Robert.
Ich trat aus dem Schatten.
„Du offenbar auch nicht.“
Er lächelte.
„Dein Vater war ein schwieriger Mann.“
„Er wusste, dass du ihn bestohlen hast.“
Roberts Gesicht veränderte sich.
Nur für einen Augenblick.
Dann lächelte er wieder.
„Dein Vater hat viele Dinge geglaubt.“
„Und er hat Beweise hinterlassen.“
Robert blickte zum geheimen Raum.
„Das rote Buch.“
Ich wusste sofort, dass er nicht bluffte.
Er wusste genau, wonach wir suchten.
„Wie lange hast du darauf gewartet?“, fragte ich.
„Zwölf Jahre.“
Maya trat näher.
„Warum?“
Robert sah sie an.
„Weil dein Vater etwas besaß, das ich brauchte.“
„Das Geld?“
Er lachte.
„Geld ist nur ein Teil davon.“
Ich spürte einen Schauer.
„Was dann?“
Robert schwieg.
Dann sagte er:
„Die Kontrolle über dein Unternehmen.“
Ich verstand.
Mein Vater hatte offenbar nicht nur Vermögen hinterlassen.
Er hatte Anteile an einer Firma, die inzwischen ein Vielfaches wert war.
Und mein vierzigster Geburtstag würde mir die vollständige Kontrolle darüber geben.
Robert wollte verhindern, dass das geschah.
„Du hast Chloe benutzt“, sagte ich.
„Chloe war nicht so schwer zu überzeugen.“
Ich ballte die Hände.
„Sie hat meine Mutter misshandelt.“
Robert zuckte mit den Schultern.
„Das war nicht mein Auftrag.“
„Aber du wusstest davon.“
Er antwortete nicht.
Das Schweigen genügte.
Teil 7 – Das Foto
Plötzlich hörten wir Sirenen.
Robert blickte zur Tür.
„Du hast die Polizei gerufen.“
„Nein.“
Ich sah Maya an.
Sie lächelte.
„Ich habe sie gerufen, bevor wir das Haus betreten haben.“
Robert wurde blass.
Er griff in seine Jackentasche.
Ich wich zurück.
Doch statt einer Waffe holte er ein Foto heraus.
Er warf es auf den Boden.
„Dann solltest du dir das ansehen.“
Ich hob es auf.
Und mein Herz blieb stehen.
Das Foto zeigte Chloe.
Aber es war nicht neu.
Es war mindestens zwanzig Jahre alt.
Neben ihr stand mein Vater.
Und neben meinem Vater stand Robert.
Auf der Rückseite war ein Datum vermerkt.
Zwei Jahre vor meiner Hochzeit.
Ich sah Maya an.
„Das kann nicht sein.“
„Warum?“
Ich drehte das Foto um.
Unter dem Datum stand:
„Chloe Carter – zukünftige Schwiegertochter.“
Maya wurde blass.
„Sie kannte deinen Vater?“
Ich nickte langsam.
Doch dann bemerkte ich etwas anderes.
Im Hintergrund des Fotos stand eine Frau.
Ich zoomte das Bild mit meinem Handy.
Meine Mutter.
Sie war ebenfalls dort.
Warum hatte niemand mir erzählt, dass Chloe meinen Vater schon vor unserer Beziehung kannte?
Robert lächelte.
„Jetzt verstehst du.“
„Was?“
„Deine Ehe war nie Zufall.“
Ich spürte, wie sich alles in mir zusammenzog.
„Was willst du damit sagen?“
Robert trat einen Schritt zurück.
„Frag deine Mutter, warum sie Chloe damals kennengelernt hat.“
Die Polizei war inzwischen vor dem Haus.
Robert sah mich ein letztes Mal an.
„Und wenn du wirklich wissen willst, wer Chloe ist, lies das rote Buch.“
Dann rannte er zur Hintertür.
Die Beamten nahmen ihn wenige Sekunden später fest.
Teil 8 – Die Wahrheit über Chloe
Ich kehrte am Abend nach Hause zurück.
Meine Mutter wartete im Wohnzimmer.
Als sie mein Gesicht sah, wusste sie sofort, dass ich die Wahrheit entdeckt hatte.
Ich legte das alte Foto vor sie.
Sie schloss die Augen.
„Du solltest das niemals sehen.“
„Warum?“
Sie schwieg.
„Mom, warum kannte Chloe Dad schon vor unserer Hochzeit?“
Meine Mutter begann zu weinen.
„Weil dein Vater sie eingestellt hatte.“
Ich verstand kein Wort.
„Für was?“
„Um dich zu beobachten.“
Ich wich zurück.
„Was?“
Meine Mutter sah mich an.
„Dein Vater wusste, dass Robert ihn betrogen hatte. Er befürchtete, dass jemand versuchen würde, nach seinem Tod an dein Vermögen zu kommen.“
„Und Chloe?“
„Sie sollte herausfinden, wem du vertraust.“
Ich konnte kaum atmen.
„Du willst mir sagen, dass meine Ehe eine Untersuchung war?“
Meine Mutter schüttelte den Kopf.
„Am Anfang.“
Ich starrte sie an.
„Und später?“
Sie antwortete nicht.
Das Schweigen war Antwort genug.
Chloe hatte irgendwann selbst entschieden, nicht mehr nur Informationen zu sammeln.
Sie hatte begonnen, das zu wollen, was mir gehörte.
Und plötzlich verstand ich etwas, das noch schlimmer war.
Sie hatte mich nicht geheiratet, weil sie mich liebte.
Zumindest nicht am Anfang.
Vielleicht hatte sie mich nie geliebt.
Ich öffnete das rote Buch.
Auf der ersten Seite stand in der Handschrift meines Vaters:
„Carter, wenn du dies liest, vertraue niemandem, der dir sagt, dass er dich wegen deines Geldes liebt.“
Ich blätterte weiter.
Dann fand ich eine Liste.
Namen.
Daten.
Überweisungen.
Und ganz unten stand ein Name, der mir den Atem raubte.
Chloe.
Daneben stand:
„Sie ist nicht das Opfer. Sie ist Teil des Plans.“
Ich sah meine Mutter an.
„Warum hast du mir das nicht früher gesagt?“
Sie nahm meine Hand.
„Weil dein Vater mich gebeten hat, dich zu schützen.“
Ich sah zum Fenster.
Draußen stand Maya im Garten.
Sie hatte keine Ahnung, dass mein ganzes Leben gerade erneut auseinanderfiel.
Doch dann klingelte mein Telefon.
Eine Nachricht von einer unbekannten Nummer.
Nur drei Worte:
„Frag Maya selbst.“
Ich runzelte die Stirn.
Dann kam eine zweite Nachricht.
„Sie kennt die Wahrheit über Chloe.“
Ich blickte sofort zur Gartentür.
Maya stand dort.
Und zum ersten Mal, seit ich sie kannte, sah sie nicht überrascht aus.
Sie sah aus, als hätte sie genau darauf gewartet, dass ich die Frage stelle.
Ende von Teil 4
Fortsetzung folgt: Teil 5 – Mayas verborgenes Geheimnis.



