Das Geschenk zur Hochzeit
News Story

Das Geschenk zur Hochzeit

0 Aufrufe

Teil 3: Der Besuch des Notars

Zwei Tage nach diesem Frühstück stand Notar Dr. Sanders unangemeldet vor unserer Haustür. Er wirkte sichtlich angespannt, als er in den Flur trat und seinen Mantel ablegte. Markus und Gabriele, die im Wohnzimmer gerade die Pläne für den Umbau des Arbeitszimmers besprachen, blickten überrascht auf.

„Herr Dr. Sanders! Was für eine wunderbare Überraschung“, rief Gabriele und breitete die Arme aus, als begrüße sie einen langjährigen Freund. „Kommen Sie etwa, um uns die endgültige, unumstößliche Bestätigung des Grundbucheintrags zu überbringen? Die Sektkorken stehen schon bereit!“

Der Notar sah sie jedoch nicht an. Sein Blick war kühl, fast stechend, als er sich direkt an mich wandte. „Guten Tag, Frau Becker. Ich muss mich bei Ihnen in aller Form entschuldigen. Gestern Abend gab es im Rahmen einer routinemäßigen internen Revision unserer Kanzlei einen Vorfall bezüglich der Dokumente aus Ihrer Hochzeitsnacht. Mir ist ein schwerwiegender, fast fahrlässiger Fehler unterlaufen.“

Gabriele stutzte, ihr Lächeln fror auf den Lippen ein. „Ein Fehler? Aber wir haben doch alle unterschrieben! Es ist alles im Register vermerkt!“

„Eben nicht im rechtlichen Sinne, gnädige Frau“, entgegnete Dr. Sanders ungerührt. Er zog eine gepflegte Ledertasche hervor, öffnete sie und legte ein offizielles Schreiben auf den Tisch. „Das Anwesen unterliegt einer strengen Familienstiftung, die von der Eigentümerin niemals ohne einen einstimmigen Vorstandsbeschluss veräußert werden kann. Zudem fehlt jegliche juristische Gültigkeit, da die Unterschrift unter Druck und unter Vorlage falscher Tatsachen erzwungen schien. Das Grundbuchamt hat den Eintrag soeben wegen schwerer formeller Mängel abgelehnt. Das Haus gehört nach wie vor zu hundert Prozent Frau Becker.“

Die Stille, die nach diesen Worten im Raum folgte, war so dicht, dass man das Ticken der Uhr an der Wand fast als körperlichen Schmerz empfinden konnte. Gabriele verlor augenblicklich jede Contenance. Ihre aristokratische Fassade bröckelte wie mürber Putz, und in ihr Gesicht trat ein Ausdruck von blankem Entsetzen, gepaart mit einer rasenden Wut, die sie jahrelang hinter netten Floskeln versteckt hatte.

„Das ist ein Komplott!“, schrie sie und sprang so heftig auf, dass ihr schwerer Sessel nach hinten umkippte und krachend auf den Parkettboden schlug. Sie deutete mit einem zitternden, von Ringen überladenen Finger direkt auf mich. „Sie hat uns reingelegt! Sie hat gewusst, dass der Notar einen Fehler macht! Sie hat uns eiskalt in diese Falle laufen lassen, diese verlogene Schlange!“

Ich blieb vollkommen ruhig sitzen, nahm die Teetasse in die Hand und nahm einen gemächlichen Schluck, bevor ich sie ansah. „Ich habe lediglich unterschrieben, worum du mich gebeten hast, Gabriele. Du wolltest das Haus unbedingt haben, und ich habe dir bereitwillig den Stift gereicht. Dass du und dein hochbezahlter Notar die Statuten der Stiftung nicht geprüft habt, bevor ihr gierig zugegriffen habt, ist wohl kaum mein Verschulden.“

Markus sprang ebenfalls auf, sein Gesicht war kreidebleich. „Du wusstest das, oder? Du hast von Anfang an gewusst, dass das nicht klappt, und hast uns auflaufen lassen? Wie konntest du uns das antun? Wir sind deine Familie!“

„Familie?“, entgegnete ich, und meine Stimme schnitt durch den Raum wie eine Rasierklinge. „Ihr habt mich vor versammelten Gästen auf meiner eigenen Hochzeit erniedrigt. Ihr habt mich behandelt wie eine Magd, die ihr Eigentum abtreten muss. Du hast daneben gestanden und gegrinst, Markus. Das war der Moment, in dem unsere Ehe endete, noch bevor sie überhaupt begonnen hatte.“