TEIL 3 — Vertraue deinem Bruder nicht
Der Satz meiner Großmutter ließ mich nicht mehr los.
Vertraue deinem Bruder nicht.
Ich sah meinen Bruder an.
Er stand direkt vor mir und hielt noch immer meinen Arm fest.
„Was steht da?“, fragte er.
Ich antwortete nicht.
Sein Blick wanderte zu dem Zettel in meiner Hand.
Für einen Moment veränderte sich sein Gesicht.
Nur für einen Moment.
Aber ich sah es.
„Du hast es gelesen“, sagte er.
„Ja.“
Er ließ meinen Arm los.
„Elena, hör mir zu.“
„Warum sollte ich?“
„Weil wir keine Zeit haben.“
Draußen wurde eine weitere Autotür zugeschlagen.
Mein Vater stand plötzlich auf.
„Sie kommen durch den Hintereingang.“
Mein Bruder sah ihn an.
„Woher weißt du das?“
„Weil ich sie kenne.“
„Du hast gesagt, du kennst sie nicht.“
Mein Vater schwieg.
Ich trat einen Schritt zurück.
„Ihr beide lügt mich an.“
Meine Mutter weinte leise.
„Wir wollten dich schützen.“
Ich lachte bitter.
„Ihr wolltet mich schützen?“
Ich hielt den Zettel hoch.
„Meine Großmutter hat mir sogar noch aus dem Grab gesagt, dass ich meinem eigenen Bruder nicht vertrauen soll.“
Mein Bruder sah mich lange an.
„Das hat sie nicht geschrieben.“
„Woher willst du das wissen?“
„Weil ich ihre Handschrift kenne.“
Er nahm den Zettel.
Er betrachtete ihn.
Dann schüttelte er den Kopf.
„Das ist nicht ihre Handschrift.“
Ich trat näher.
„Was?“
„Sie hat anders geschrieben.“
„Du bist dir sicher?“
„Ja.“
Er zeigte auf die letzten beiden Zeilen.
„Sie hat das kleine ‚r‘ immer anders geschrieben.“
Ich sah genauer hin.
Er hatte recht.
Ein kalter Schauer lief über meinen Rücken.
„Dann hat jemand den Zettel gefälscht.“
„Ja.“
„Wer?“
Mein Bruder sah zu unserem Vater.
Mein Vater sagte nichts.
Draußen ertönte ein dumpfer Schlag.
Jemand hatte gegen die Hintertür geschlagen.
„Wir müssen gehen“, sagte mein Bruder.
Diesmal widersprach ich nicht.
Wir liefen durch den Keller.
Mein Vater blieb zurück.
Ich drehte mich um.
„Du kommst nicht mit?“
Er schüttelte den Kopf.
„Wenn sie mich sehen, wissen sie, dass ihr hier wart.“
„Papa—“
„Geh.“
Seine Stimme war plötzlich ruhig.
Fast müde.
„Und Elena?“
Ich blieb stehen.
„Ja?“
Er sah mich an.
„Wenn du den Safe findest, öffne nicht das erste Fach.“
Ich runzelte die Stirn.
„Warum?“
„Weil sie genau dort suchen werden.“
Mein Bruder zog mich weiter.
Wir erreichten die Garage.
Ein schwarzes Auto stand dort.
Mein Bruder öffnete die Tür.
Ich setzte mich hinein.
Er startete den Motor.
Wir fuhren los.
Erst nach zehn Minuten sagte keiner von uns ein Wort.
Dann fragte ich:
„Wo ist der Safe?“
„In der alten Wohnung deiner Großmutter.“
„Die Wohnung wurde verkauft.“
„Offiziell.“
Ich sah ihn an.
„Was bedeutet das?“
„Sie gehört noch immer jemandem aus der Familie.“
„Wem?“
Er schwieg.
„Dir?“
„Nein.“
„Papa?“
„Nein.“
„Mama?“
Er schüttelte den Kopf.
Ich sah aus dem Fenster.
„Dann wem?“
„Dir.“
Ich drehte mich zu ihm.
„Was?“
„Die Wohnung wurde vor drei Jahren auf deinen Namen übertragen.“
„Ich wusste davon nichts.“
„Genau.“
Er nahm eine Straße Richtung Innenstadt.
„Warum hat niemand mir das gesagt?“
„Weil dein Vater wollte, dass du glaubst, die Wohnung sei verkauft worden.“
„Warum?“
„Weil sich dort etwas befindet, das er unbedingt finden wollte.“
„Der Safe.“
„Ja.“
„Und warum hast du ihn nicht geöffnet?“
Mein Bruder schwieg.
Ich sah ihn an.
„Warum?“
„Weil ich den Schlüssel nicht hatte.“
„Bis heute.“
„Bis heute.“
Ich blickte auf den kleinen Schlüssel in meiner Hand.
„Woher hast du ihn?“
„Von einem Mann.“
„Welchem Mann?“
„Dem Anwalt deiner Großmutter.“
„Der müsste doch wissen, was im Safe ist.“
„Er ist tot.“
Ich schluckte.
„Wann?“
„Vor zwei Monaten.“
„Wie?“
Mein Bruder sah mich kurz an.
„Herzinfarkt.“
„Natürlich.“
Er reagierte nicht.
Nach weiteren fünfzehn Minuten hielten wir vor einem alten Gebäude.
Die Wohnung lag im dritten Stock.
Mein Bruder öffnete die Tür.
Staub.
Dunkle Möbel.
Der Geruch meiner Großmutter.
Ich blieb im Flur stehen.
Plötzlich erinnerte ich mich an etwas.
„Ich war hier.“
Mein Bruder sah mich an.
„Wann?“
„Vor sechs Monaten.“
Er wurde blass.
„Bist du sicher?“
„Ja.“
Ich ging ins Wohnzimmer.
„Ich habe hier mit jemandem gesprochen.“
„Mit wem?“
Ich schloss die Augen.
Ein Bild tauchte auf.
Ein Mann im dunklen Mantel.
Eine Tasse Kaffee.
Meine Großmutters alte Standuhr.
Und eine Stimme.
„Wenn du dich irgendwann nicht mehr an diesen Abend erinnerst, such nach dem blauen Buch.“
Ich öffnete die Augen.
„Das blaue Buch.“
Mein Bruder runzelte die Stirn.
„Welches blaue Buch?“
Ich ging zum Bücherregal.
Dort standen ungefähr hundert Bücher.
„Keine Ahnung.“
Wir suchten gemeinsam.
Nach fünf Minuten fand ich es.
Ein kleines blaues Notizbuch.
Es lag hinter einer Reihe alter Lexika.
Ich öffnete es.
Die ersten Seiten waren leer.
Dann fand ich eine Liste.
Kontonummern.
Namen.
Beträge.
Und immer wieder dieselbe Abkürzung:
M.K.
„Was ist M.K.?“
Mein Bruder nahm das Buch.
„Keine Ahnung.“
„Du lügst.“
Er sah mich an.
„Nein.“
„Du hast gerade gezögert.“
„Weil ich versuche, mich zu erinnern.“
Ich nahm das Buch zurück.
Auf der letzten Seite stand ein Satz:
M.K. ist nicht der Name. Es ist die Abkürzung für das, was sie wirklich besitzen.
Darunter eine Kontonummer.
Und daneben:
2.800.000 €
Genau der Betrag, für den mein Vater meine Unterschrift brauchte.
Ich sah meinen Bruder an.
„Das kann kein Zufall sein.“
„Nein.“
„Was ist dieses Geld?“
Er nahm sein Handy.
„Ich habe eine Idee.“
Er tippte eine Nummer ein.
Wenige Sekunden später sagte er:
„Ich brauche Internet.“
„Warum?“
„Um die Kontonummer zu prüfen.“
Ich öffnete meinen Laptop.
Wir suchten die Nummer.
Ein Treffer erschien.
Eine Stiftung.
M.K. Holding Foundation.
„Das ist keine Firma“, sagte ich.
„Nein.“
Ich öffnete die Registerdaten.
Mein Atem stockte.
„Was?“
Mein Bruder beugte sich vor.
Als wir den Namen des wirtschaftlich Berechtigten sahen, sagte keiner von uns etwas.
Denn dort stand:
Elena Weber.
Mein Mädchenname.
Ich starrte auf den Bildschirm.
„Ich besitze eine Stiftung?“
Mein Bruder schüttelte langsam den Kopf.
„Nein.“
„Was dann?“
„Jemand benutzt deine Identität.“
Ich öffnete die Gründungsunterlagen.
Da war sie.
Meine Unterschrift.
Wieder.
Dieses Mal auf einer Vollmacht.
Daneben ein Datum.
Sechs Monate zuvor.
Ich erinnerte mich plötzlich.
An diesen Abend.
An die Tasse Kaffee.
An den Mann im dunklen Mantel.
An die Stimme meiner Großmutter.
Und dann an etwas anderes.
Eine Spritze.
Mein Körper wurde kalt.
„Sie haben mich unter Drogen gesetzt.“
Mein Bruder sah mich an.
„Elena…“
„Ich habe nicht unterschrieben.“
„Ich weiß.“
„Doch.“
Ich zeigte auf den Bildschirm.
„Jemand hat mich dazu gebracht, meine eigene Unterschrift zu setzen.“
Mein Bruder nahm meine Hand.
„Wir müssen hier weg.“
„Warum?“
Er zeigte auf die Überwachungskamera im Flur.
Ein rotes Licht blinkte.
„Weil jemand gerade weiß, dass wir den Safe gefunden haben.“
Im selben Moment vibrierte mein Handy.
Eine Nachricht.
Keine Nummer.
Nur ein Bild.
Ich öffnete es.
Es zeigte mich.
In genau dieser Wohnung.
Vor sechs Monaten.
Ich stand neben dem Mann im dunklen Mantel.
Und hinter uns stand meine Großmutter.
Lebendig.
Ich ließ das Handy beinahe fallen.
Mein Bruder sah das Foto.
Sein Gesicht wurde kreidebleich.
„Das ist unmöglich.“
„Warum?“
Er antwortete nicht.
Ich sah ihn an.
„Warum ist das unmöglich?“
Er schloss die Augen.
Dann sagte er:
„Weil ich deine Großmutter an diesem Tag selbst beerdigt habe.“
Ich sah wieder auf das Foto.
Meine Großmutter lächelte in die Kamera.
Und unter dem Bild stand eine Nachricht:
„Frag deinen Bruder, wer wirklich im Sarg lag.“



