TEIL 4 — DAS MÄDCHEN, DAS DIANE VERSCHWINDEN LIESS
Ich starrte auf das Foto.
Das Mädchen vor dem Café sah vielleicht siebzehn oder achtzehn Jahre alt aus.
Dunkle Haare.
Helle Augen.
Und diese Kette.
Ich kannte sie.
Nicht persönlich.
Aber ich hatte sie schon einmal gesehen.
Auf dem alten Foto von Lily.
„Das ist unmöglich“, flüsterte Ryan.
„Du hast gerade selbst gesehen, dass sie lebt.“
Er nahm sein Handy wieder vom Boden.
Seine Finger zitterten.
„Wenn das wirklich Lily ist…“
„Dann hat deine Mutter uns belogen.“
Ryan schüttelte den Kopf.
„Nein. Sie hat mich glauben lassen, dass Lily tot ist.“
„Das ist dasselbe.“
Er sah mich an.
„Was machen wir jetzt?“
Ich antwortete sofort.
„Wir finden sie.“
Doch bevor wir etwas unternehmen konnten, klingelte mein Handy.
Eine Nachricht von Margaret Collins.
„Treffen Sie mich heute um 16 Uhr. Allein.“
Darunter stand eine Adresse.
Ein kleines Café am anderen Ende der Stadt.
Ich zeigte Ryan die Nachricht.
„Ich komme mit.“
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Weil sie ausdrücklich geschrieben hat, dass ich allein kommen soll.“
Ryan wurde unruhig.
„Das gefällt mir nicht.“
„Mir auch nicht.“
„Dann geh nicht.“
Ich sah ihn an.
„Ryan, wenn diese Frau wirklich seit siebzehn Jahren nach deiner Schwester sucht, ist sie vielleicht die einzige Person, die uns die Wahrheit sagen kann.“
Er schwieg.
Dann sagte er:
„Ich habe Angst davor, was du erfahren wirst.“
„Ich auch.“
Um 15:45 Uhr saß ich in meinem Auto.
Emma war bei Maya.
Ich hatte dafür gesorgt, dass niemand wusste, wo sie war.
Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich das Gefühl, wenigstens einen kleinen Teil meines Lebens kontrollieren zu können.
Als ich das Café betrat, erkannte ich Margaret sofort.
Eine ältere Frau mit kurzen grauen Haaren.
Sie stand auf, als sie mich sah.
„Sie sind Emmas Mutter.“
Ich nickte.
„Und Sie sind Margaret.“
„Ja.“
Sie setzte sich wieder.
Ich nahm gegenüber Platz.
„Sie sagten, Lily sei nicht gestorben.“
Margaret sah zur Tür.
„Ist Ryan hier?“
„Nein.“
Sie atmete erleichtert auf.
„Gut.“
„Warum haben Sie Angst vor ihm?“
„Nicht vor Ryan.“
Sie beugte sich näher zu mir.
„Vor dem, was seine Mutter aus ihm gemacht hat.“
Ich schwieg.
Margaret öffnete ihre Tasche.
Sie holte einen alten Aktenordner heraus.
„Das ist die Originalakte.“
Mein Herz schlug schneller.
„Ich dachte, der Fall sei abgeschlossen.“
„Offiziell.“
Sie legte mehrere Dokumente auf den Tisch.
„Inoffiziell habe ich nie geglaubt, dass Lily tot ist.“
„Warum?“
Margaret zeigte auf eine Seite.
„Weil es nie einen medizinischen Nachweis gab.“
Ich starrte auf das Dokument.
„Keine Leiche?“
„Keine eindeutige Identifizierung.“
„Warum wurde der Fall trotzdem geschlossen?“
Margaret sah mich ernst an.
„Weil Diane behauptete, sie habe die Leiche selbst gesehen.“
„Aber sie hat gelogen.“
„Das wissen wir heute.“
„Wir?“
Margaret zögerte.
„Ich war nicht die Einzige, die Zweifel hatte.“
Sie zog ein weiteres Foto hervor.
Darauf war ein Mann zu sehen.
„Das ist Thomas.“
„Lily’s Vater?“
„Nein.“
Ich runzelte die Stirn.
„Dann wer?“
„Der Mann, der Lily nach ihrem Verschwinden gefunden hat.“
Ich hielt den Atem an.
„Gefunden?“
Margaret nickte.
„Er behauptete, Lily sei einige Tage nach ihrem Verschwinden bei einer Pflegefamilie gewesen.“
„Warum hat er sie nicht zurückgebracht?“
„Weil Diane ihn vorher bedroht hatte.“
Ich konnte kaum folgen.
„Was genau ist damals passiert?“
Margaret schob mir ein weiteres Dokument zu.
„Diane hatte Schulden. Sehr hohe Schulden. Und sie wusste, dass Lily bei einer bestimmten Familie untergebracht werden sollte.“
„Warum?“
„Weil diese Familie Geld hatte.“
Ich sah sie an.
„Sie hat ihr eigenes Kind verkauft?“
Margaret schüttelte den Kopf.
„So einfach ist es nicht.“
Sie senkte die Stimme.
„Aber sie hat Lily benutzt, um an Geld zu kommen.“
Mir wurde übel.
„Wie?“
„Diane behauptete, Lily sei schwer krank.“
Ich starrte sie an.
„Was?“
„Sie sammelte Spenden.“
Margaret holte eine Liste hervor.
Zahlungen.
Überweisungen.
Namen.
Beträge.
Viele davon waren anonym.
Aber einige stammten von Menschen, die ich kannte.
Ich erkannte einen Nachnamen.
Ryans Großvater.
Dann einen weiteren.
„Diese Leute haben für Lily bezahlt?“
„Sie glaubten, sie würden einem kranken Kind helfen.“
Ich sah Margaret an.
„Aber Lily war gar nicht krank.“
„Nein.“
„Was hat Diane mit dem Geld gemacht?“
Margaret antwortete nicht.
Sie musste es nicht.
Ich konnte es mir vorstellen.
Schulden.
Haus.
Lebenshaltungskosten.
Vielleicht sogar Luxus.
Aber dann fiel mein Blick auf eine Zeile.
Eine Zahlung.
18.500 Euro.
Ich erstarrte.
„Diese Summe…“
Margaret sah mich an.
„Sie kennen sie.“
Ich nickte langsam.
„Mein Mann hat genau diese Summe vor einigen Jahren von unserem gemeinsamen Konto überwiesen.“
Margaret wurde blass.
„Dann hat Diane noch immer Kontakt zu diesem alten Netzwerk.“
„Was bedeutet das?“
„Dass die Geschichte nie aufgehört hat.“
Ich sah sie an.
„Wo ist Lily jetzt?“
Margaret schwieg.
„Bitte.“
Sie sah aus dem Fenster.
Dann sagte sie:
„Sie lebt unter einem anderen Namen.“
Mein Herz raste.
„Welchem?“
„Anna Miller.“
Ich schrieb den Namen auf.
„Wo wohnt sie?“
Margaret gab mir eine Adresse.
Doch bevor ich den Zettel nehmen konnte, vibrierte mein Handy.
Ryan.
Ich nahm nicht ab.
Eine Sekunde später kam eine Nachricht.
„Komm sofort zurück. Diane weiß, wo Emma ist.“
Mein Blut gefror.
Ich rief ihn sofort an.
„Was hast du gesagt?“
„Sie weiß, wo Emma ist.“
„Wo ist sie?“
„Bei Maya?“
„Nein.“
Ich hielt inne.
„Woher weißt du von Maya?“
Stille.
„Ryan?“
„Ich habe es ihr nicht gesagt.“
„Dann woher weiß Diane davon?“
Er antwortete nicht.
Ich verstand plötzlich.
Diane hatte nicht nur Informationen über Lily.
Sie wusste auch, wo meine Tochter war.
Ich stand auf.
Margaret packte meinen Arm.
„Gehen Sie nicht.“
„Meine Tochter ist in Gefahr.“
„Genau deshalb dürfen Sie nicht tun, was Diane erwartet.“
„Was erwartet sie?“
Margaret sah mich ernst an.
„Dass Sie panisch werden.“
Ich blieb stehen.
„Und dann?“
„Dass Sie zu Ihrem Mann zurückgehen.“
Ich sah auf mein Handy.
Ryan rief erneut an.
Diesmal nahm ich ab.
„Wo ist Emma?“
„Ich fahre gerade zu Maya.“
„Warum?“
„Um sie abzuholen.“
„Nein.“
„Was?“
„Du gehst nirgendwohin.“
„Sie ist meine Tochter!“
„Und du hast gestern bewiesen, dass du sie nicht beschützen kannst.“
Er schwieg.
Dann sagte er:
„Du verstehst nicht, was Diane tun wird.“
„Doch.“
Ich sah Margaret an.
„Ich beginne es gerade zu verstehen.“
Dann hörte ich plötzlich ein Geräusch im Hintergrund.
Eine Tür.
Eine Männerstimme.
Und danach Dianes Stimme.
Ganz deutlich.
„Gib mir das Telefon.“
Ryan sagte:
„Mama, nein.“
Dann wurde die Verbindung unterbrochen.
Ich starrte auf mein Handy.
Margaret stand neben mir.
„Sie hat ihn.“
„Wen?“
„Ryan.“
Sie nahm den Ordner und steckte ihn zurück in ihre Tasche.
„Und wenn Diane ihn wirklich unter Druck setzt, wird sie versuchen, Sie mit etwas zu erpressen.“
Ich sah sie an.
„Was könnte sie gegen mich haben?“
Margaret antwortete:
„Das weiß ich nicht.“
Dann vibrierte mein Handy erneut.
Eine unbekannte Nummer.
Eine Nachricht.
„Wenn Sie Ihre Tochter wiedersehen wollen, kommen Sie heute Abend um 20 Uhr zu dem Haus, in dem Lily zuletzt gesehen wurde.“
Darunter eine Adresse.
Ich kannte den Ort.
Es war das alte Haus von Diane.
Das Haus, das angeblich seit Jahren leer stand.
Dann kam die zweite Nachricht.
„Kommen Sie allein.“
Und darunter ein Foto.
Emma.
Sie saß auf einem Sofa.
Sie war unverletzt.
Aber neben ihr stand Diane.
Ich konnte kaum atmen.
Denn auf dem Foto sah ich noch etwas.
Im Hintergrund stand ein Mädchen.
Dunkle Haare.
Helle Augen.
Die gleiche Kette um den Hals.
Lily.
Sie war nicht nur am Leben.
Sie war bei Diane.
Und sie sah direkt in die Kamera.
Als würde sie mir etwas sagen wollen.
Dann bemerkte ich ihre Lippen.
Sie formte lautlos drei Worte.
„Vertrau ihm nicht.“



