TEIL 16 — DER LETZTE VERRAT
Niemand bewegte sich.
Meine Mutter stand im Türrahmen.
So viele Jahre hatte ich mir diesen Moment vorgestellt.
Ich hatte davon geträumt, sie zu umarmen.
Sie zu fragen, warum sie gegangen war.
Warum sie mich nicht mitgenommen hatte.
Warum sie mich glauben ließ, sie sei tot.
Aber jetzt konnte ich mich nicht bewegen.
Denn ihre ersten Worte waren schlimmer gewesen als alles, was ich erwartet hatte.
„Warum ich dich gebeten habe, mich zu töten.“
Ich sah meinen Vater an.
Er weinte.
Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich meinen Vater weinen.
„Mama“, sagte ich.
Sie sah mich an.
Ihre Lippen zitterten.
„Lena.“
Dann ging sie langsam auf mich zu.
Ich wich nicht zurück.
Sie blieb direkt vor mir stehen.
Für einige Sekunden sagte niemand etwas.
Dann hob sie die Hand und berührte meine Wange.
„Du bist erwachsen geworden.“
Ich schluckte.
„Du hast mich sterben lassen.“
Sie schloss die Augen.
„Ich weiß.“
„Warum?“
„Weil ich keine andere Wahl hatte.“
„Doch.“
Meine Stimme brach.
„Du hättest bleiben können.“
Sie sah mich traurig an.
„Wenn ich geblieben wäre, wärst du heute nicht hier.“
Ich wollte widersprechen.
Doch ich konnte nicht.
Sie nahm Emilys Hand.
„Und du.“
Emily weinte.
„Ich habe gedacht, du willst mich nicht.“
Meine Mutter zog sie an sich.
„Ich habe dich jeden einzelnen Tag geliebt.“
Emily hielt sie fest.
Dann löste sich meine Mutter langsam.
„Wir haben nicht viel Zeit.“
Daniel wurde nervös.
„Sie kommen.“
„Wer?“, fragte Evan.
Meine Mutter sah ihn an.
„Diejenigen, die damals hinter dem Geld her waren.“
„Das Geld existiert noch?“
Sie nickte.
„Ja.“
Ich sah sie an.
„Wo?“
„Unter dem alten Harrington-Anwesen.“
Mein Vater sagte:
„Nein.“
Meine Mutter drehte sich zu ihm.
„Doch.“
„Sie dürfen es nicht finden.“
„Sie haben es längst gefunden.“
Ich verstand nicht.
„Wer?“
Meine Mutter sah mich an.
„Derjenige, der dir die Nachrichten geschickt hat.“
Mein Magen zog sich zusammen.
„Du weißt, wer es ist?“
Sie nickte.
„Ja.“
„Wer?“
Sie antwortete:
„Evan.“
Ich sah meinen Bruder an.
„Was?“
Evan wurde bleich.
„Mama, nein.“
Sie ging auf ihn zu.
„Es tut mir leid.“
„Ich habe nichts getan.“
„Ich weiß.“
„Dann warum sagst du meinen Namen?“
Meine Mutter sah mich an.
„Weil jemand seinen Namen benutzt.“
Ich verstand nicht.
Dann holte sie ein altes Telefon aus ihrer Tasche.
Sie zeigte uns eine Nachricht.
Darin stand:
„Wenn Lena die Wahrheit erfährt, muss Evan verschwinden.“
Evan trat zurück.
„Wer würde so etwas schreiben?“
Meine Mutter antwortete:
„Dein Großvater.“
„Aber er ist tot.“
„Ja.“
Stille.
Dann sagte meine Mutter:
„Zumindest solltet ihr das glauben.“
Mein Vater stand auf.
„Das ist unmöglich.“
Meine Mutter sah ihn an.
„Du hast ihn nie selbst gesehen.“
Mein Vater wurde blass.
„Ich habe seine Beerdigung gesehen.“
„Nein.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Du hast einen geschlossenen Sarg gesehen.“
Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug.
Alles, was ich über meine Familie geglaubt hatte, zerfiel.
Meine Mutter setzte sich.
„Vor dreißig Jahren begann alles mit einem Verrat.“
Sie sah meinen Vater an.
„Dein Vater wollte das Vermögen übernehmen.“
Dann sah sie Daniel an.
„Daniel half ihm.“
Daniel senkte den Blick.
„Aber dein Vater änderte später seine Meinung.“
Ich fragte:
„Warum?“
„Weil er herausfand, dass das Geld nicht das Wichtigste war.“
„Was dann?“
Meine Mutter nahm einen Umschlag heraus.
„Das hier.“
Sie legte ihn vor mich.
Auf dem Umschlag stand mein Name.
LENA HARRINGTON.
Ich öffnete ihn.
Darin befand sich ein einzelnes Blatt.
Nur ein Satz.
Ich las ihn laut vor:
„Die Erbin ist nicht diejenige, die das Geld bekommt.“
Ich sah meine Mutter an.
„Was bedeutet das?“
Sie antwortete:
„Du bist nicht die Erbin des Vermögens.“
Ich erstarrte.
„Was?“
„Du bist die Erbin einer Wahrheit.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Welche Wahrheit?“
Meine Mutter nahm meine Hand.
„Dass unser gesamtes Familienimperium auf einer Lüge aufgebaut wurde.“
Mein Vater sagte leise:
„Sie dürfen das nicht erfahren.“
Plötzlich wurde draußen ein Auto gestartet.
Dann noch eines.
Daniel sah zum Fenster.
„Sie sind hier.“
Meine Mutter stand auf.
„Wir müssen gehen.“
„Nein.“
Ich hielt ihre Hand.
„Nicht ohne Antworten.“
Sie sah mich an.
„Dann bekommst du die letzte Antwort.“
Sie holte ein altes Foto hervor.
Darauf waren fünf Personen zu sehen.
Meine Mutter.
Mein Vater.
Daniel.
Eine unbekannte Frau.
Und ein Mann, dessen Gesicht ich kaum erkennen konnte.
Doch ich kannte ihn.
Ich hatte ihn erst vor wenigen Stunden gesehen.
Auf einem aktuellen Familienfoto.
Meine Hände wurden kalt.
„Das ist unmöglich.“
Meine Mutter nickte.
„Nein, Lena.“
Sie sah mich direkt an.
„Es ist die Wahrheit.“
„Wer ist er?“
Meine Mutter flüsterte:
„Dein Großvater.“
Hinter uns wurde die Kellertür aufgerissen.
Eine Stimme rief:
„Niemand bewegt sich!“
Meine Mutter zog mich sofort hinter sich.
Mein Vater stellte sich vor Emily.
Daniel griff nach dem alten Umschlag.
Und dann erkannte ich die Stimme.
Ich kannte sie.
Ich hatte ihr mein ganzes Leben lang vertraut.
Die Person trat ins Licht.
Und sagte:
„Es tut mir leid, Lena. Aber deine Mutter darf heute Nacht nicht überleben.“
Ich sah in das Gesicht des Menschen, den ich am wenigsten verdächtigt hatte.
Und in diesem Moment verstand ich:
Der eigentliche Verrat hatte gerade erst begonnen.
FORTSETZUNG FOLGT…



