TEIL 3 — DAS GEHEIMNIS MEINER MUTTER UND WARUM CHRISTOPHER MICH AUSGEWÄHLT HAT
Ich starrte auf das Foto.
Mehrere Sekunden lang konnte ich nicht einmal blinzeln.
Christopher.
Meine Mutter.
Und hinter ihnen ein Gebäude, das ich sofort erkannte.
Das alte Büro meines Vaters.
Mein Atem wurde flach.
Meine Mutter war seit zwölf Jahren tot.
Christopher kannte sie angeblich nicht.
Zumindest hatte er das immer behauptet.
* * *
„Das ist unmöglich…“
Das Wort kam kaum über meine Lippen.
Ich vergrößerte das Bild.
Das Datum erschien unten rechts.
Vor sieben Jahren.
Zwei Jahre bevor Christopher und ich uns kennengelernt hatten.
Zwei Jahre bevor er plötzlich in mein Leben trat.
Zwei Jahre bevor er der Mann wurde, der angeblich meine Wunden heilen wollte.
Doch die Wahrheit war:
Er hatte meine Familie schon gekannt.
Lange bevor er mich kannte.
* * *
Ich sprang vom Bett auf.
Mein erster Gedanke war:
Ich muss hier weg.
Aber dann blieb ich stehen.
Nein.
Weglaufen war genau das, was sie erwarteten.
Sie wollten eine verängstigte Sabrina.
Eine Frau, die zusammenbrach.
Eine Frau, die ihre Firma, ihr Vermögen und ihr Leben einfach aufgab.
Aber sie hatten einen Fehler gemacht.
Sie hatten vergessen, wer ich war.
* * *
Ich öffnete vorsichtig die Tür zum Flur.
Niemand war da.
Das Hotel war ruhig.
Die Hochzeit war vorbei.
Die Gäste waren gegangen.
Für alle anderen war dieser Tag nur eine wunderschöne Feier gewesen.
Nur ich wusste, dass es der Tag war, an dem meine Ehe zerstört wurde.
* * *
Ich ging zurück ins Zimmer und holte den Rekorder.
Dann kopierte ich die gesamte Aufnahme auf drei verschiedene Geräte.
Eine Datei speicherte ich online.
Eine schickte ich an meinen Anwalt.
Eine weitere versteckte ich.
Ich wusste nicht, wem ich noch vertrauen konnte.
Nicht einmal den Menschen, die mein Leben lang an meiner Seite gewesen waren.
* * *
Am nächsten Morgen fuhr ich nicht nach Hause.
Ich fuhr zu meiner Anwaltskanzlei.
Mein Anwalt, Thomas Keller, sah mich bereits durch die Glaswand seines Büros kommen.
Als er mein Gesicht sah, wusste er sofort:
Etwas war passiert.
„Sabrina? Was ist los?“
Ich legte den Rekorder auf seinen Tisch.
„Hör dir das an.“
Er sah mich fragend an.
Dann drückte er auf Play.
* * *
Die ersten Sekunden hörten wir nichts.
Dann kam Raymonds Stimme.
„Nach ihrer Unterschrift gehört der Waterfront-Deal uns.“
Thomas’ Gesicht veränderte sich.
Er sagte kein Wort.
Er hörte weiter.
Als Christopher sprach, wurde sein Blick härter.
„Nein…“
Ich sah ihn an.
„Was?“
Thomas stoppte die Aufnahme.
„Christopher ist nicht nur hinter deinem Vermögen her.“
„Das weiß ich.“
„Nein, Sabrina. Du verstehst nicht.“
Er nahm eine Akte aus seinem Schrank.
Eine alte Akte.
Mit meinem Familiennamen darauf.
VAN DALEN.
* * *
„Diese Akte habe ich seit Jahren.“
Ich sah ihn überrascht an.
„Warum hast du mir nie davon erzählt?“
Thomas senkte den Blick.
„Weil dein Vater es mir verboten hat.“
Mein Herz schlug schneller.
„Mein Vater?“
Er nickte.
„Kurz bevor er starb, gab er mir diese Unterlagen.“
Er öffnete die Akte.
Darin lagen alte Verträge.
Fotos.
Briefe.
Und ein handgeschriebener Brief meines Vaters.
* * *
Ich nahm den Brief.
Ich erkannte sofort seine Schrift.
Meine Hände begannen zu zittern.
„Liebe Sabrina, wenn du diesen Brief liest, habe ich wahrscheinlich keine Möglichkeit mehr, dich zu beschützen.“
Ich musste schlucken.
Ich las weiter.
„Vertraue niemals jemandem, der plötzlich auftaucht und behauptet, dich retten zu wollen.“
Mein Blick wanderte langsam zu Thomas.
„Was bedeutet das?“
Er antwortete leise:
„Dein Vater wusste, dass jemand versuchen würde, in dein Leben zu kommen.“
* * *
Ich las weiter.
„Es gibt Menschen, die nicht dein Geld wollen. Sie wollen etwas, das viel wertvoller ist: die Wahrheit.“
Die Wahrheit.
Schon wieder dieses Wort.
* * *
„Thomas… was hat mein Vater entdeckt?“
Er lehnte sich zurück.
„Dein Vater hatte herausgefunden, dass jemand aus seinem engsten Umfeld Informationen verkauft hat.“
„Wer?“
Er schwieg.
Dann sagte er:
„Deine Mutter.“
* * *
Ich stand auf.
„Nein.“
Meine Stimme war fest.
„Das glaube ich nicht.“
Meine Mutter war nicht perfekt gewesen.
Aber sie hatte mich geliebt.
Sie hatte mich beschützt.
Sie war die Person gewesen, die nachts neben meinem Bett saß, wenn ich krank war.
„Es muss eine Erklärung geben.“
Thomas nickte langsam.
„Vielleicht.“
Dann zeigte er auf das Foto von Christopher und meiner Mutter.
„Aber dieses Foto verändert alles.“
* * *
Ich nahm das Bild wieder in die Hand.
„Warum sollte Christopher meine Mutter treffen?“
Thomas antwortete:
„Vielleicht hat er sie nicht getroffen.“
„Was meinst du?“
„Vielleicht hat sie ihn gefunden.“
* * *
Ich sah ihn an.
„Erklär mir das.“
Thomas öffnete eine weitere Datei.
Ein Bericht.
Über Christopher.
Seine Vergangenheit.
Und eine Information, die ich nie erwartet hätte.
* * *
Christopher Falk war nicht sein ursprünglicher Name.
Ich las den Satz dreimal.
Mein Kopf wurde leer.
„Was?“
Thomas zeigte auf das Dokument.
„Vor zehn Jahren wurde sein Name offiziell geändert.“
„Warum?“
„Wegen eines Familienereignisses.“
„Welches?“
Thomas sah mich ernst an.
„Der Tod seines Vaters.“
* * *
Ich erinnerte mich.
Raymond hatte immer erzählt, dass Christopher nach dem Tod seines Vaters die Firma seines Vaters verlassen hatte.
Aber er hatte nie Details genannt.
Nie über seine Vergangenheit gesprochen.
Nie über seine Familie.
Ich hatte gedacht, er sei einfach ein Mann, der neu anfangen wollte.
Jetzt wusste ich:
Vielleicht war er ein Mann, der etwas versteckte.
* * *
Plötzlich klingelte mein Handy.
Christopher.
Ich sah auf den Namen.
Früher hätte ich sofort abgenommen.
Jetzt ließ ich es klingeln.
Nach einigen Sekunden kam eine Nachricht.
„Sabrina, ich weiß, dass etwas nicht stimmt. Wir müssen reden.“
Eine zweite Nachricht folgte.
„Bitte mach keinen Fehler, den du später bereuen wirst.“
Ich zeigte Thomas die Nachricht.
Er wurde blass.
„Er weiß es.“
„Was?“
„Er weiß, dass du etwas herausgefunden hast.“
* * *
Mein Herz raste.
„Woher?“
Thomas nahm mein Handy und überprüfte die Nachricht.
Dann zeigte er auf eine kleine Information.
„Die Nachricht wurde nicht von seinem normalen Handy gesendet.“
„Was bedeutet das?“
Er sah mich an.
„Jemand anderes benutzt seinen Zugang.“
* * *
In diesem Moment kam eine weitere Nachricht.
Nicht von Christopher.
Von der unbekannten Nummer.
„Sabrina, du hast jetzt zwei Möglichkeiten.“
„Du kannst herausfinden, warum Christopher dich geheiratet hat.“
„Oder du kannst herausfinden, warum dein Vater wirklich gestorben ist.“
Darunter ein letzter Satz:
„Aber du hast nicht genug Zeit für beides.“
* * *
Ich sah Thomas an.
„Wer schickt diese Nachrichten?“
Er schüttelte langsam den Kopf.
„Ich weiß es nicht.“
Dann kam eine letzte Nachricht.
Ein Foto.
Ein altes Überwachungsvideo.
Auf dem Bild:
Mein Vater.
Christopher.
Und eine dritte Person.
Eine Person, die ich niemals erwartet hätte.
Denn diese Person lebte noch.
Und sie war die Einzige, die wusste, was wirklich in der Nacht passiert war, als mein Vater starb.
* * *



