TEIL 4 — DER MANN, DER SCHON VOR MEINER GEBURT EINEN PLAN HATTE
Ich stand nur wenige Schritte von Daniel entfernt.
Die Musik spielte.
Die Gäste lächelten.
Die Fotografen hielten ihre Kameras bereit.
Für alle anderen war es der schönste Moment meines Lebens.
Aber in meinem Kopf wiederholte sich nur ein Satz:
„Daniel war meinem Vater schon vor Jahren begegnet.“
Ich hielt mein Lächeln aufrecht.
Doch innerlich zerbrach etwas in mir.
Der Mann vor mir war kein Fremder, der zufällig in mein Leben gekommen war.
Er war jemand, der mich gesucht hatte.
* * *
„Klara?“
Daniels Stimme holte mich zurück.
„Alles in Ordnung?“
Ich sah in seine Augen.
Diese Augen, die ich so oft angesehen hatte, während ich dachte, sie würden mich lieben.
Diese Augen, die mich nachts beruhigt hatten.
Diese Augen, die meinen Sohn gehalten hatten.
Jetzt sah ich nur noch Berechnung.
Aber ich ließ mir nichts anmerken.
„Ja“, sagte ich leise.
„Ich bin nur etwas überwältigt.“
Daniel lächelte.
Er glaubte, er hätte gewonnen.
* * *
Der Standesbeamte begann zu sprechen.
Worte über Liebe.
Vertrauen.
Gemeinsame Zukunft.
Jedes einzelne Wort fühlte sich wie eine Lüge an.
Neben mir stand der Mann, der geplant hatte, mein Leben zu übernehmen.
Mein Vermögen.
Meine Firma.
Mein Kind.
Und vielleicht noch viel mehr.
Doch dann passierte etwas, womit Daniel nicht gerechnet hatte.
Mein Sohn Milan begann zu weinen.
Martha nahm ihn vorsichtig aus meinen Armen.
Daniel drehte sich sofort zu ihr.
„Gib ihn mir.“
Seine Stimme war freundlich.
Zu freundlich.
Martha zögerte.
Früher hätte ich diesen Moment süß gefunden.
Ein Mann, der sich um ein Baby kümmerte.
Heute sah ich etwas anderes.
Eine Rolle.
Eine perfekte Inszenierung.
Daniel nahm Milan.
Er küsste seine Stirn.
Die Gäste lächelten.
Einige seufzten gerührt.
„Er wird ein wunderbarer Vater“, hörte ich jemanden flüstern.
Ich musste fast lachen.
Wenn sie nur wüssten.
* * *
Als die Zeremonie weiterging, vibrierte mein Handy erneut.
Eine neue Nachricht.
Wieder dieselbe unbekannte Nummer.
„Du musst nicht heiraten, um ihn zu entlarven. Aber du musst verstehen, warum er dich ausgewählt hat.“
Darunter:
Ein weiterer Anhang.
Ein Dokument.
Ich öffnete es heimlich.
Und mein Atem stockte.
Es war ein Vertrag.
Ein alter Vertrag.
Zwischen meinem Vater und einer Person namens:
Daniel Falk.
* * *
Ich starrte auf das Datum.
Es war siebzehn Jahre alt.
Daniel war damals nicht einmal in meinem Leben gewesen.
Ich war erst zehn Jahre alt.
Warum hatte mein Vater mit ihm einen Vertrag gehabt?
Ich las weiter.
Und dann verstand ich.
Daniel hatte nicht mich gefunden.
Mein Vater hatte ihn gekannt.
* * *
Nach der Zeremonie, bevor die Gäste zum Empfang gingen, zog ich mich kurz in den Nebenraum zurück.
Thomas wartete bereits.
„Du hast es gesehen, oder?“
Ich zeigte ihm das Dokument.
Sein Gesicht wurde ernst.
„Woher hast du das?“
„Eine unbekannte Nummer schickt mir Informationen.“
Thomas nahm das Handy.
Er las.
Seine Augen wurden schmal.
„Klara…“
„Was?“
„Diese Unterschrift.“
Er zeigte auf den Namen unter dem Vertrag.
„Das ist nicht Daniels Unterschrift.“
Ich sah genauer hin.
„Was meinst du?“
„Daniel hat diesen Vertrag nicht unterschrieben.“
Eine Pause.
„Sein Vater hat unterschrieben.“
Mir wurde kalt.
„Sein Vater?“
Thomas nickte.
„Klara, dein Vater und Daniels Vater kannten sich sehr gut.“
* * *
Ich setzte mich.
Alles ergab plötzlich einen Sinn.
Oder zumindest begann ein neues Rätsel.
Daniel war nicht wegen meines Geldes gekommen.
Nicht nur.
Seine Familie hatte eine Verbindung zu meiner Familie.
Eine alte Verbindung.
Eine, die vor meiner Geburt begonnen hatte.
„Was stand in diesem Vertrag?“, fragte ich.
Thomas öffnete die Datei.
Er las mehrere Zeilen.
Dann wurde sein Gesicht blass.
„Es geht um eine Partnerschaft.“
„Welche Partnerschaft?“
Er sah mich an.
„Eine geheime Beteiligung an einem Projekt, das dein Vater niemals öffentlich gemacht hat.“
„Welches Projekt?“
Thomas schwieg.
Dann sagte er:
„Ein Immobilienfonds, der heute Milliarden wert wäre.“
* * *
Mein Herz schlug schneller.
„Und Daniel will diesen Fonds?“
Thomas schüttelte langsam den Kopf.
„Nein.“
„Was dann?“
Er zeigte auf eine Zeile.
Dort stand:
Alle Rechte gehen nach dem Tod von Alexander van Dalen an seine direkte Erbin über.
Ich verstand.
„Also an mich.“
„Ja.“
„Aber warum braucht er dann meine Unterschrift?“
Thomas sah mich ernst an.
„Weil ohne dich niemand Zugriff darauf bekommt.“
* * *
Plötzlich hörten wir Schritte vor der Tür.
Wir verstummten.
Die Tür öffnete sich.
Daniel stand dort.
Sein Gesicht zeigte Sorge.
„Da bist du ja.“
Ich lächelte.
„Ich brauchte nur einen Moment.“
Sein Blick wanderte zu Thomas.
Nur für eine Sekunde.
Aber ich bemerkte es.
Misstrauen.
Angst.
Er wusste, dass etwas nicht stimmte.
„Können wir reden?“, fragte er.
„Natürlich.“
Ich ging mit ihm hinaus.
Wir liefen durch den Flur des Hotels.
Alle Gäste unten feierten.
Niemand wusste, dass zwischen uns gerade ein Krieg begann.
Daniel nahm meine Hand.
„Klara, du wirkst anders.“
Ich sah ihn an.
„Tue ich das?“
„Ja.“
Er lächelte leicht.
„Als hättest du plötzlich Zweifel.“
Ich hielt seinen Blick.
„Vielleicht habe ich etwas erfahren, das ich vorher nicht wusste.“
Für einen kurzen Moment veränderte sich sein Gesicht.
Nur ein Bruchteil einer Sekunde.
Aber ich sah es.
Panik.
Dann war sein Lächeln wieder da.
„Was meinst du?“
Ich trat näher.
„Ich frage mich nur…“
Eine Pause.
„Warum du meinen Vater kanntest, bevor du mich kanntest.“
Daniels Gesicht erstarrte.
Nur für einen Moment.
Aber es reichte.
* * *
Am Abend, nachdem alle Gäste gegangen waren, fand ich in meinem Hotelzimmer einen Umschlag.
Kein Name.
Keine Nachricht.
Nur ein Satz auf der Vorderseite:
„Öffne diesen Umschlag, wenn du wissen willst, warum dein Vater wirklich gestorben ist.“
Meine Hände zitterten.
Ich öffnete ihn.
Darin lag ein altes Foto.
Mein Vater.
Daniel.
Und eine dritte Person.
Eine Frau.
Ich kannte sie.
Sie war nicht tot.
Sie lebte.
Und sie war die letzte Person, die ich erwartet hätte.
Meine eigene Tante.
* * *



