Ich stand im dunklen Keller und hielt den USB-Stick so fest, dass meine Finger schmerzten.
Cynthia hielt die Waffe.
Brandon stand neben ihr.
Zum ersten Mal sah ich in seinem Gesicht keine Wut.
Nur Angst.
„Gib ihn mir“, sagte er.
Ich schüttelte den Kopf.
„Warum?“
„Weil du nicht verstehst, was darauf ist.“
„Dann sag es mir.“
Brandon schwieg.
Cynthia trat einen Schritt nach vorn.
„Charlotte, wir wollen dir nichts tun.“
Ich sah auf die Waffe in ihrer Hand.
„Dann leg sie weg.“
Sie antwortete nicht.
Ich musste an Lucas und Amelia denken.
Sie waren oben.
Allein.
Wenn hier etwas passierte, konnten sie mich nicht schützen.
Also musste ich ruhig bleiben.
„Brandon“, sagte ich, „wenn du diesen Stick unbedingt haben willst, muss etwas Wichtiges darauf sein.“
Er sah mich an.
„Du hast keine Ahnung.“
„Dann erklär es mir.“
Sein Blick wanderte zur Holzkiste.
„Dein Vater hat damals einen Fehler gemacht.“
„Welchen?“
„Er wollte alles auffliegen lassen.“
„Was?“
Cynthia sagte plötzlich:
„Brandon, wir haben keine Zeit.“
Ich sah sie an.
„Du kennst meinen Vater.“
Sie wurde still.
„Du hast ihn gekannt, lange bevor du Brandon kennengelernt hast.“
Cynthia senkte den Blick.
Das war Antwort genug.
Ich spürte, wie sich in mir etwas veränderte.
Die Angst wich langsam einer anderen Emotion.
Wut.
„Wie lange?“
Cynthia sagte nichts.
„Wie lange kennt ihr euch?“
Brandon antwortete:
„Zwölf Jahre.“
Ich erstarrte.
„Zwölf Jahre?“
Er nickte.
„Und unsere Ehe?“
„Charlotte—“
„Wie lange vor unserer Hochzeit kanntest du sie?“
Er schwieg.
Cynthia sah ihn an.
„Sag es ihr.“
Brandon wurde wütend.
„Sei still.“
„Nein.“
Cynthia senkte die Waffe ein wenig.
„Sie verdient die Wahrheit.“
Ich sah sie fassungslos an.
„Welche Wahrheit?“
Cynthia atmete tief ein.
„Ich war nicht Brandons Geliebte.“
Ich lachte bitter.
„Nicht?“
„Nicht am Anfang.“
„Was soll das heißen?“
Sie sah mich an.
„Ich war die Buchhalterin deines Vaters.“
Mein Körper wurde kalt.
Mein Vater.
Wieder mein Vater.
Alles führte zu ihm zurück.
„Du hast für ihn gearbeitet?“
„Ja.“
„Und dann?“
Cynthia sah zu Brandon.
„Dann fanden wir heraus, dass dein Vater einen geheimen Fonds hatte.“
„Den Fonds mit den 1,8 Millionen?“
Sie nickte.
„Das Geld sollte eigentlich dir gehören.“
Ich konnte kaum atmen.
„Mir?“
„Ja.“
Brandon trat dazwischen.
„Cynthia.“
„Sie muss es wissen.“
Ich sah ihn an.
„Warum sollte mein Vater mir Geld hinterlassen?“
Cynthia antwortete:
„Weil er wusste, dass du irgendwann alles verlieren könntest.“
Ich sah auf die Kiste.
„Was befindet sich auf dem USB-Stick?“
Cynthia zögerte.
„Beweise.“
„Für was?“
„Für eine Fälschung.“
Mein Herz schlug schneller.
„Welche Fälschung?“
„Die Dokumente, die dich angeblich von deinem eigenen Vermögen ausschließen.“
Ich sah Brandon an.
Er sagte nichts.
„Du hast meinen Namen gefälscht.“
„Ich hatte keine Wahl.“
„Es gibt immer eine Wahl.“
„Nein!“
Seine Stimme hallte durch den Keller.
„Du weißt nicht, was mein Vater getan hat.“
Ich erstarrte.
„Du meinst meinen Vater.“
„Ja.“
„Was hat er getan?“
Brandon schwieg.
Dann sagte er:
„Er hat Menschen zerstört.“
Cynthia schüttelte den Kopf.
„Das ist nicht die ganze Wahrheit.“
Brandon sah sie wütend an.
„Halt dich da raus.“
„Nein.“
Sie richtete die Waffe plötzlich nicht mehr auf mich.
Sondern auf Brandon.
Ich erstarrte.
„Was machst du?“
Cynthia sagte leise:
„Ich habe lange genug geschwiegen.“
Brandon wich zurück.
„Cynthia.“
„Du hast mir versprochen, dass niemand verletzt wird.“
„Das wird niemand.“
„Du hast Charlotte betrogen.“
„Es ging nie um sie.“
Diese Worte trafen mich.
„Was?“
Brandon sah mich an.
„Es ging nie um dein Geld.“
Ich verstand nichts.
„Dann worum?“
Er antwortete nicht.
Cynthia sagte:
„Um deinen Vater.“
„Was ist mit ihm?“
„Er wusste, dass Brandon nicht sein Sohn ist.“
Ich erstarrte.
Brandon wurde bleich.
„Cynthia, hör auf.“
Ich sah zwischen ihnen hin und her.
„Was hat das zu bedeuten?“
Cynthia sagte:
„Brandon ist der Sohn deines Vaters.“
Mein Atem stockte.
„Nein.“
„Doch.“
„Das ist unmöglich.“
„Dein Vater hatte eine Affäre mit Brandons Mutter.“
Ich starrte Brandon an.
„Du bist mein Bruder?“
Er antwortete nicht.
Sein Schweigen war grausamer als jede Antwort.
„Warum hast du mir das nie gesagt?“
Er sah zu Boden.
„Weil ich Angst hatte.“
„Wovor?“
„Dass du mich hasst.“
Ich konnte kaum sprechen.
„Und deshalb hast du mein Haus gestohlen?“
„Ich wollte nur das, was mir zusteht.“
„Was dir zusteht?“
Ich lachte unter Tränen.
„Du hast mich jahrelang ausgenutzt.“
„Ich wusste nicht, dass du alles erben würdest.“
„Was?“
Cynthia sagte:
„Dein Vater hat sein Testament geändert.“
Sie ging langsam zu der Holzkiste.
„Kurz vor seinem Tod.“
Ich sah sie an.
„Was steht darin?“
„Dass du die alleinige Erbin seines gesamten Vermögens wirst.“
Ich schloss die Augen.
Mein Vater hatte gewusst, dass Brandon existierte.
Er hatte ihn trotzdem nicht als Erben eingesetzt.
Warum?
Ich sah den USB-Stick.
„Dann ist das Testament darauf?“
Cynthia nickte.
„Und noch etwas.“
„Was?“
„Eine Videoaufnahme deines Vaters.“
Mein Herz begann zu rasen.
„Eine Aufnahme?“
„Ja.“
„Was sagt er?“
Cynthia sah mich an.
„Dass er wusste, wer ihn verraten hatte.“
„Wer?“
Sie antwortete nicht.
Brandon trat plötzlich vor.
„Gib mir den Stick.“
„Nein.“
„Charlotte.“
„Nein!“
Er kam näher.
Ich wich zurück.
Dann hörte ich oben ein Geräusch.
Ein Schrei.
Amelia.
Mein Herz blieb stehen.
„Die Kinder!“
Ich rannte zur Kellertür.
Brandon griff nach meinem Arm.
Ich riss mich los.
„Was hast du mit ihnen gemacht?“
„Nichts!“
Doch dann hörte ich Lucas weinen.
„Mama!“
Ich rannte die Treppe hinauf.
Die Kellertür schlug hinter mir zu.
Im Flur war niemand.
„Lucas! Amelia!“
Keine Antwort.
Ich stürmte ins Schlafzimmer.
Die Betten waren leer.
Die Kinder waren verschwunden.
Auf meinem Bett lag nur ein weißer Umschlag.
Ich öffnete ihn mit zitternden Händen.
Darin war ein Foto von Lucas und Amelia.
Auf der Rückseite stand:
„Wenn du deine Kinder wiedersehen willst, bring den USB-Stick allein zur alten Villa.“
Darunter eine Uhrzeit.
02:00 Uhr.
Und ganz unten ein Name.
Ich kannte ihn.
Es war der Name des Mannes, den mein Vater angeblich nie gekannt hatte.
Ich sah auf die Uhr.
01:17 Uhr.
Noch 43 Minuten.
Dann vibrierte mein Handy.
Eine unbekannte Nummer.
Ich nahm ab.
Eine Männerstimme sagte:
„Charlotte, komm allein.“
„Wo sind meine Kinder?“
„Sie sind sicher.“
„Wenn du ihnen etwas antust—“
„Ich will deinen Kindern nichts antun.“
„Dann was willst du?“
Die Stimme schwieg kurz.
Dann sagte sie:
„Den USB-Stick.“
„Warum?“
„Weil dein Vater darauf die Wahrheit über seinen Tod hinterlassen hat.“
Ich hielt den Atem an.
„Wer bist du?“
Die Stimme antwortete:
„Jemand, der dabei war, als dein Vater starb.“
Dann legte er auf.
Ich sah auf den USB-Stick in meiner Hand.
Hinter mir stand plötzlich Cynthia.
Sie war blass.
„Du darfst nicht zur Villa gehen.“
„Meine Kinder sind dort.“
„Ich weiß.“
„Woher?“
Cynthia sah mich an.
„Weil ich weiß, wer sie entführt hat.“
„Wer?“
Sie schluckte.
„Dein Mann.“
Ich erstarrte.
„Mein Mann ist tot.“
Cynthia schüttelte langsam den Kopf.
„Nein, Charlotte.“
Sie sah auf den USB-Stick.
„Er war nie tot.“
In diesem Moment hörte ich draußen einen Wagen starten.
Ich lief zum Fenster.
Ein schwarzer SUV fuhr davon.
Auf dem Rücksitz sah ich zwei kleine Gestalten.
Lucas.
Amelia.
Ich riss die Tür auf und rannte hinaus.
Doch bevor ich den Wagen erreichen konnte, bekam ich eine letzte Nachricht.
„Wenn du wissen willst, warum dein Mann deine Kinder genommen hat, komm zur Villa. Aber bring niemanden mit.“
Darunter stand:
„Und Charlotte … vertraue Cynthia nicht.“
Ich blieb mitten auf der Straße stehen.
Denn hinter mir sagte Cynthia:
„Lauf nicht weg.“
Ich drehte mich um.
Sie hielt immer noch die Waffe.
Aber diesmal richtete sie sie auf mich.
Und sagte:
„Du hast nur noch eine Stunde, um herauszufinden, auf wessen Seite ich wirklich stehe.“



